Zu Straßburg auf der Schanz - Deserteurslied

Schweizer Reisläufer ueberqueren die Alpen. Nach der Eroberung von Cremona verlassen eidg. Söldner heimlich das frz. Heer und ziehen über das Gebirge nach Hause. 1513 (Diebold Schilling der Jüngere) Quelle: Wikimedia

Das Lied stammt aus der Spätzeit der Söldnerheere um 1790, als es in Frankreich ebenfalls noch das stehende Heer gab, das sich zumeist aus zwangsrekrutierten Soldaten zusammensetzte. Geschildert wird die Erschießung eines Schweizer Söldners, der zu den Preußen hatte überlaufen wollen. Noch heute stehen "Schweizer Söldner"  im Vatikan.
 
Originalfassung. Das Lied existiert in zwei Fassungen, die wesentlich durch die "Anklage-Strophe" des Deserteurs unterschieden sind. In der ältesten Überlieferung (fliegendes Blatt des ausgehenden 18. Jahrhunderts) wird der Corporal angeklagt, der den Deserteur vermutlich festgenommen oder angezeigt hat.

Text: Zu Straßburg auf der Schanz

Zu Straßburg auf der Schanz,
Da ging mein Trauern an;
da wollt ich den Franzosen desertiern
und wollt es bei den Preußen probiern
ei, das ging nicht an.

Ein Stund wohl in der Nacht
habens mich gefangen gebracht;
Sie führten mich vor des Hauptmanns Haus,
Ach Gott, was soll werden daraus,
Mit mir ist's aus.

Frühmorgens um zehn Uhr
Stellt man mich dem Regimente vor
da soll ich bitten um Pardon,
Und werd doch kriegen meinen Lohn,
Das weiß ich schon.

Ihr Brüder allzumal,
Heut' seht ihr mich zum letztenmal;
Unser Korporal, der gstrenge Mann
ist meines Todes Schuld daran
Das klag ich an.

Ihr Brüder alle drei,
ich bitt, schießt allzugleich
Verschont mein junges Leben nicht,
Schießt, daß das rote Blut rausspritzt,
Das bitt ich euch.

O Himmelskönig!
Nimm du mein Seel dahin,
Nimm sie zu dir in Himmel hinein,
alwo doe lieben Englein sein
Und vergiß nicht mein!

Text: unbekannter Autor, auf fliegenden Blättern , Ende des 18. Jahrhunderts


Glättung und Umdichtung. Alle anderen (und neueren)  Fassungen,  bringen entweder die Nachdichtung "Zu Straßburg auf der langen Brück" oder lassen die Corporal-Strophe aus oder ersetzen sie durch die Fassung mit dem Alphornmotiv, die in der ersten gedruckten Fassung des Liedes, im Wunderhorn, wohl als Umdichtung der Herausgeber erscheint. Hier wird nicht der Corporal angeklagt, sondern die heimweherzeugende Melodie des Alphorns, die den Deserteur verführt, von seiner Truppe wegzulaufen.

Der Schweizer

1. Zu Straßburg auf der Schanz,
Da ging mein Trauern an;
Das Alphorn hört' ich drüben wohl anstimmen,
Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen,
Das ging ja nicht an.

4. Ihr Brüder allzumal,
Heut' seht ihr mich zum letztenmal;
Der Hirtenbub ist nur schuld daran,
Das Alphorn hat mir's angetan,
Das klag ich an.

Zu Straßburg auf der langen Brück'

Zu Strassburg auf der langen Brück
da stand ich eines Tags
nach Süden wandt ich meinen Blick
in grauem Nebel lag´s
Da dacht´ ich mir: Dahinter
liegt in wunderbarem Reiz
mit seinen Almen, seinen Höh´n
dein Vaterland, die Schweiz

Und wie ich's dacht, und wie ich's sann
da zog ein Knab' vorbei,
der blies in's traute Alpenhorn
der Heimat Melodei.
Da ward mir's kalt, da ward mir's warm
rasch sprang ich in die Flut,
hinauf den Rhein mit starkem Arm
schwamm ich in frischem Mut

Hätt' mich nicht der Sergeant gesehn
da hätt' es keine Not;
jetzt haben sie mich eingebracht
und schiessen heut' mich tot.
O liebe Herren, glaubt mir dies
mich zog ein süsser Ton;
der Knabe, der das Alphorn blies
der trägt die Schuld davon

Nun führt hinaus mich vor das Tor
und messt die fünfzehn Schritt'
und schiesset wacker, doch zuvor
gewährt mir eine Bitt':
Blast mir das Alphorn noch einmal
in wunderbarem Reiz
und darin grüsst mir vieltausendmal
mein Heimatland, die Schweiz

Text: Salomon Mosenthal , vor 1847 (1821-1877)

Verschleierung. Die Corporal-Strophe als sozialkritische Anklage wurde zugunsten der den Sachverhalt poetisch verschleiernden, ideologisch unverdächtigen Alphornfassung im 19. Jahrhundert systematisch unterdrückt. In den Schul- und anderen Gebrauchsliederbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts spielt das Lied in der Alphornfassung, versteht sich, eine bedeutsam Rolle. Allerdings lässt auch diese Fassung eine Frage offen: Was ist das für ein Sinn, einen Menschen wegen Heimwehs umzubringen?

Heimweh ist eine Schweizer Krankheit.  Der Elsässer Mediziner Johannes Hofer war der Erste, der 1688 in seiner Basler Dissertation De Nostalgia vulgo Heimwehe das Problem des Heimwehs erkannte und es zum Status einer Krankheit erhob, die fortan auch „Schweizerkrankheit“ genannt wurde. Symptome waren Entkräftung und Fieber bis hin zum Tod; eine Heilung konnte nur in der Heimreise bestehen.

Dass sich die Schweizer überhaupt so fern von ihrer Heimat befanden, lag an dem regen Handel mit schweizerischen Söldnern, die seit dem 13. Jahrhundert gegen "Provision" an den König von Frankreich und andere Länder verkauft wurden. Dieser als Reislauf bezeichnete Menschenhandel bildete für die Kantone eine wichtige Einnahmequelle. Das mittelhochdeutsche Wort Reis bedeutet hierbei den Aufbruch, das Fortbewegen oder Reisen, in diesem Zusammenhang die Kriegs-Reise, den Kriegszug. Die Schweizer waren also stärker und früher als andere Völker ihrer Heimat entrissen.

Die grosse Zeit der Reisläufer waren die Kriege um das Herzogtum Mailand um 1500. Die Schweizer Schlachten in Italien zählen mit zu den blutigsten Gemetzeln, die sich Söldnerheere je lieferten, wobei nicht selten auf beiden Seiten Schweizer Söldner standen. Eine Wende brachte die Reformation:  In reformierten Kantonen wie Zürich waren Gewerbe und Handel weiter fortgeschritten als in den katholischen Kantonen. Es machte hier wirtschaftlich wenig Sinn, kräftige junge Männer gegen Pensionen ins Ausland zu schicken, um sie als Söldner für auswärtige Mächte töten oder verkrüppeln zu lassen.

Der Zürcher Reformator Zwingli konnte daher 1519 die Abschaffung des Reislaufs in Zürich erreichen. Er verwendete in seinen berühmten Predigten gegen den Solddienst 1525 das Bild von den roten Hüten und Mänteln der römischen Kardinäle. Wenn man sie schüttle, fielen Dukaten und Kronen, wenn man sie auswinde, rinne das Blut der Söhne, Brüder, Väter und Verwandten heraus. Während die Pensionenherren und Hauptleute selbst in Seide, Silber, Gold und Damast aufträten, donnerte Zwingli, verkauften sie ihre Landsleutewie Vieh nach Italien. Weitere Kantone folgten, bis 1859 schließlich ein Bundesratsbeschluss den Reislauf in der gesamten Schweiz verbot. Davon übrig geblieben ist bis heute nur die Schweizer Garde des Vatikans

Die Schweizergarde und die amtliche Schweiz. Nach vatikanischem Recht ist die Schweizergarde eine militärische Formation. Nach einem Beschluss des schweizerischen Bundesrates ist sie eine Hausgarde mit rein polizeilichem Charakter. Diese Deutung bewahrt die Angehörigen der Garde davor, gegen das Militärgesetzbuch zu verstossen, das den Militärdienst für das Ausland unter Strafe stellt. Offiziell halten sich die Gardisten privat in Rom auf. Ihr Dienst wird in keiner Weise als Teil der obligatorischen Militärpflicht angerechnet. Folgerichtig bezahlen sie während dieser Zeit die schweizerische Militärpflichtersatzabgabe.

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Politisches Lied und Gedicht von Arbeitern und Bürgern 1848 - 1875


[eText] "Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied / Ein leidig Lied!", so lautet das Verdikt Johann Wolfgang von Goethes, das dieser im 1808 veröffentlichten "Faust I" der Figur des Brander in den Mund legt. In der Tat erfreute sich die politische Dichtung jedoch seit den 1830er Jahren in einersteigenden "Produktivität".

Politische Lieder und Gedichte aus der Zeit zwischen 1848 und 1875 stehen in dem elektronisch abrufbaren Text im Vordergrund. Damit wird im wesentlichen wissenschaftliches Neuland betreten. Die germanistische Forschung hat zwar einige Studien zu den politischen Liedern und Gedichten des Vormärz und der Revolution von 1848 hervorgebracht, die politische Lyrik der ohnehin ungeliebten Epoche des sogenannten Nachmärz dagegen mit Schweigen übergangen.

Kein Fest, kaum eine öffentlichkeitswirksame Versammlung des 19. Jahrhunderts konnte auf Lieder und Gedichte verzichten. Auch in der Zeit zwischen den Einigungskriegen und den ersten Jahren nach der Reichsgründung erklangen stets Lieder und Gedichte, wenn Menschen sich versammelten, um zu feiern, zu debattieren oder zu protestieren. Manche Lieder wurden regelrechte Erkennungszeichen, die es erlaubten, den Sänger sofort einer bestimmten politischen Richtung oder Partei zuzuordnen. Oft konnte aber auch der Gesang ein und desselben Liedes einen je unterschiedlichen politischen Anspruch widerspiegeln. Es war darum häufig nicht allein entscheidend, welches Lied gesungen wurde, sondern von wem und in welchem Rahmen es zum besten gegeben wurde. Und noch etwas:  Lieder mit politischem Inhalt - das war im 19. Jahrhundert (fast) selbstverständlich - konnten nur von Männern vorgetragen werden.

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3.4.11/10.2.12/

 INHALT


Einleitung


1. Im Spannungsfeld von Nähe und Abgrenzung - Zum Verhältnis von Gesang und Deklamation auf sozialdemokratischen und bürgerlichen Festen und Versammlungen


1.1 "Volksgesang" und Liederkämpfe - Politische Lieder inVersammlungen und auf der Straße
1.1.1 Die Bedeutung von Hymnen bei politischen Versammlungen
1.1.2 Lieder als Ausdruck von Protest und als ironischer Kommentar
 1.1.3 Die Beerdigung von Parteigenossen als Mittel der politischen Demonstration


1.2 "Wo man singt, da laß' dich ruhig nieder …": Lieder und Gedichte auf politischen Festen
1.2.1 Stiftungsfeste - Leistungsschauen des Vereins
1.2.2 Propaganda und Geselligkeit: Arbeiterverbrüderungsfeste und Ausflüge
1.2.3 Rituale der Selbstvergewisserung und der Stärkung von Gemeinschaft - Die Lassalle-Feiern
1.2.4 Auf der Suche nach einer historischen Tradition: Die Märzfeiern der Sozialdemokratie


 2. Die "gedichtete" Welt - Lieder und Gedichte als Schlüssel zur Weltsicht von Arbeitern und Bürgern zwischen 1848 und 1875


2.1."Und endlich wird ein Lied uns singen, dass nun die Welt erlöset sei!" - Bilder und Visionen von Gesellschaft
2.1.1 1848 - Der Kampf um die Ehre der Arbeit und die "heil'gen Rechte" des Volkes
2.1.2 "Brecht das Doppeljoch entzwei!" - Die Sozialdemokratie zwischen Kampf und Gesetz
2.1.3 Der König als Bewahrer des Rechtes und der Einheit - Konservative und liberale Gesellschaftsbilder


2.2 Der Kampf um das "Land der Eichen" - Zum Bild von Nation und Krieg
2.2.1 "Hermanns Geist" erwacht: Nationale Forderungen und Bilder in der Revolution von 1848
2.2.2 "Vaterlandslose Gesellen"? - Die Sozialdemokraten und die Nation
2.2.3. Alldeutschlands Siegeslieder": Die nationale Einheit aus liberaler und konservativer Sicht


3 Zwei Welten? - Eine Schlussbemerkung zum Verhältnis von sozialdemokratischer und bürgerlicher Kultur


4 Abkürzungsverzeichnis


 5 Quellen- und Literaturverzeichnis


 5.1 Quellen
 5.2. Literaturverzeichnis


6 Anhang

Arbeitermarseillaise: Geschichte, Texte, Noten, Hntergründe

Die Marseillaise entstand ursprünglich als politisches Lied gegen die österreichische Intervention in Frankreich und war so populär, dass man sie am sechsten Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, am 14. Juli 1795 zur Nationalhymne erhob. Ein Symbol für die bürgerlichen Freiheiten ist die Hymne bis heute.

Symbole. Die Welt des Politischen hat immer auch eine äußere, symbolische Seite. Das zeigte sich während der Französischen Revolution in groß angelegten Inszenierungen hochoffizieller Zeremonien bis in die alltäglicheren symbolischen Ausdrucksformen wie Kleidung, Zeitrechnung, Sprache ebenso wie in den Bilderwelten der Graphik und Malerei. Hatten einzelne Symbole, die in der revolutionären Praxis "erfunden" wurden, an Popularität und Bekanntheitsgrad gewonnen, wurden sie von offizieller Seite aufgenommen und teilweise zur gesetzlichen Pflicht gemacht, wie etwa das Tragen der Kokarde. Während die meisten Revolutionslieder die Zeit der Revolution im kollektiven Gedächtnis nicht überdauerten, schaffte es die Marseillaise zu einem der tragenden Symbole der französischen Nation zu werden.


Volkslied & Hymne. Es ist selten, dass politische Kunst sich so schnell durchsetzt und dazu auch alle Stürme überdauert. Als die Frage der Kriegserklärung an die Habsburgermonarchie im Frühjahr 1792 immer drängender wurde, sprachen sich die girondistischen Zeitungen "Chronique de Paris" und "Courrier" für die Förderung von Kriegsliedern, die den Enthusiasmus der Truppen stärken sollten, aus. Der "Courrier" veranstaltete einen Wettbewerb für das beste Lied, dem sich sogar die den Radikalen nahe stehende Zeitung "Révolutions de Paris" anschloss. Vor allem die Girondisten drängten auf einen raschen Kriegsbeginn. Aber bei Kriegsbeginn (20. April 1792) war noch immer keine geeignete Kampfeshymne gefunden worden. Ihr Schöpfer, der Offizier Claude-Jospeh Rouget de Lisle, soll das Lied in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 während seiner Einquartierung im Hause des Straßburger Bürgermeisters Dietrich auf dessen Anregung hin komponiert und getextet haben. Rouget de Lisle als gemäßigter Anhänger der Monarchie hatte das Lied für die Soldaten des Königs geschrieben.

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Rouget de Lisle (1760-1836) und die Marseillaise

Auch Stefan Zweig schildert in seinen "Sternstunden der Menschheit", wie in der Nacht auf den 25. April 1792 der Pionier-Hauptmann Claude-Joseph Rouget de Lisle auf Anordnung des Straßburger Bürgermeisters ein Kriegslied für die Rheinarmee textet und komponiert. Die Errungenschaften der Französischen Revolution sind gegen die absolutistischen Feinde Preußen und Österreich zu verteidigen. Rouget fristete in der Folge ein erfolgloses Leben als Notenkopist. Der Versuch einer Hymne für Napoleon "Chant des Combats" misslang. Das Stück fiel bei seiner Aufführung in der Pariser Oper am 3. Jänner 1800 durch. Claude-Joseph wurde 1760 im Jura geboren. Um ihm den Besuch der Militärschule zu ermöglichen, nahm seine Familie das Adelsprädikat "de Lisle" an. Schon früh begann er Verse zu schreiben, darunter auch einen Hymnentext "Gott bewahre den König", der sehr an das seit 1745 bekannte "God save the King" erinnert, das ja auch der österreichischen Kaiserhymne als Vorbild gedient hatte. Claude-Joseph Rouget de Lisle starb im Jahre 1836 in Choisy-le-Roi.

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Audiofassung der Marseillaise - Text & deutsche Übersetzung, Notenblatt

Kriegsgesang. Das Lied hatte ursprünglich den Titel "Kriegslied der Rheinarmee" (Chant de guerre pour l'armée du Rhin) und wurde rasch im ganzen Land bekannt. Innerhalb weniger Wochen wurde die "Hymne des Marsaillais" im Elsaß in handschriftlicher oder gedruckter Form verbreitet und danach von zahlreichen Pariser Verlegern aufgegriffen. Da die ersten Auflagen anonym erschienen, wurde zunächst bezweifelt, dass Rouget de Lisle, ansonsten angeblich nur ein mittelmäßiger Dichter, dieses Lied verfasst hatte. Es hat dem politisch gemäßigten Künstler während der Revolutionswirren, der Zeit der Terreur wohl auch wegen der Bekanntheit und Beliebtheit seiner Komposition Leben und Freiheit gerettet.

Der Text, in dem die "Enfants de la patrie" (Kinder des Vaterlandes) den gesichtslosen, blutrünstigen Soldaten der Tyrannei gegenübergestellt werden, ist düsterer als jener des Ça ira, der den anfänglichen Optimismus der Revolutionäre ausdrückt. Ça ira (franz. wörtlich: es wird gehen, im übertragenen Sinn: Wir werden es schaffen) bezeichnet den Beginn eines Kampfliedes aus der Zeit der Französischen Revolution, das während des Föderationsfestes vom 14. Juli 1790 entstand. Es rief zum Kampf gegen Aristokratie, Klerus und Adel auf.

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Die Symbole der französischen Republik

In der Marseillaise werden die Feinde als Sklaven verschwörerischer Despoten bezeichnet. Bezeichnend sind auch die häufig vorkommenden Blut und Boden-Metaphern. So das Ende der ersten Strophe - Qu'un sang impur abreuve nos sillions (dass unreines Blut unsere "Ackerfurchen" tränke) oder in der 4. Strophe - S'ils tombent nos jeunes héros, La terre en produit de nouveaux (Wenn unsere jungen Helden fallen, wird die Erde neue erschaffen). Die Nation wird hier mit der zu verteidigenden Heimaterde gleichgesetzt. Der Begriff der Freiheit wird in der letzten Strophe hervorgehoben und als Kampfgefährtin besungen - Liberté, liberté chérie, combats avec tes défenseurs (Freiheit, geliebte Freiheit, kämpfe mit deinen Verteidigern). Der Chant de guerre suggestiert eine von den Häschern der Tyrannei bedrohte Heimat, die unter großen Kraftanstrengungen, schlussendlich mit Hilfe der Freiheit siegreich verteidigt werden wird.

Ein Armeegeneral des Ägyptenfeldzugs, François Mireur, der nach Marseille gekommen war, um den gemeinsamen Marsch der Freiwilligen von Montpellier und Marseille zu organisieren, veröffentlichte es unter dem Titel Kriegslied der Grenzarmeen. Die Truppen von Marseille übernahmen es dann als Marschlied. Diese föderierten Truppen aus Marseille - die sich später am Sturm auf die Tuilerien beteiligten - übernahmen das Lied als Marschlied und stimmten es bei ihrem Einmarsch in Paris am 30. Juli 1792 an. Die Pariser benannten es daraufhin nach dem Herkunftsort der Soldaten.

Die Marseillaise war so populär, dass man sie am sechsten Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, am 14. Juli 1795 zur Nationalhymne erhob. Auf den Tag genau 120 Jahre später, - der erste Weltkrieg tobte und da eignete sich das Datum - am 14. Juli 1915, wurde die Urne von Rouget de Lisle in den Invalidendom überführt. Unter Napoleon war allerdings wieder Schluss mit der Marseillaise. Erst in der Julirevolution 1830 wurde sie wieder in den Straßen von Paris gesungen. Dabei entdeckte man, dass der Komponist Rouget de Lisle verarmt und von einem Schlaganfall gelähmt bei einem alten Regimentskameraden wohnte. Bürgerkönig Louis Philippe war klug genug, ihm das Kreuz der Ehrenlegion zu verleihen und eine kleine Pension auszusetzen – die Marseillaise als Nationalhymne mochte er aber auch nicht. Er gab ein neues Lied in Auftrag, die so genannte "Parisienne", die jedoch so langweilig war, dass kein Mensch sie singen wollte.

In der Revolution von 1848 und beim Aufstand der Pariser Kommune 1871 erlebte die Marseillaise jeweils eine Auferstehung, wurde aber nach kurzer Zeit wieder verboten, weil ihr noch immer der Geruch der Revolution anhaftete. Anlässlich der Eröffnung der Pariser Weltausstellung im Jahr 1878 gab der Präsident MacMahon bei Charles Gounod eine Hymne mit dem Titel "Vive la France" in Auftrag, die denn auch bei allen feierlichen Gelegenheiten gespielt wurde. Doch der Wille des Volkes war stärker: Jedes Mal, wenn Gounods Lied zu Ende war, stimmten die Zuhörer lautstark die Marseillaise an. Nach heftigen Diskussionen in der Französischen Nationalversammlung wurde sie dann im Jahr 1879 zur offiziellen Landeshymne erklärt.

Es gab in der ursprünglichen Anwendung keine einheitliche Fassung der Marseillaise, die bereits zu Beginn in verschiedenen Formen mit oder ohne Gesang vertont wurde. 1879 wurde die Marseillaise zur Nationalhymne erklärt, ohne dass man sich für eine bestimmte Fassung entschieden hatte. Wenn sie gleichzeitig von verschiedenen Musikverbänden gespielt wurde, herrschte deshalb oftmals eine große musikalische Unordnung. Eine 1887 eingesetzte Kommission von Berufsmusikern legte eine offizielle Fassung fest, nachdem sie den Text und die Melodie umgeändert hatte.

Unter der ersten Republik gehörte die Marseillaise zu den Volksweisen und -liedern, die zum Erfolg der Revolution beigetragen haben. Die Marseillaise, die in der Zeit des Empire und der Restauration verboten war, kam während der Revolution von 1830 zu neuen Ehren. Hector Berlioz komponierte eine Orchesterfassung, die er Rouget de Lisle widmete. Die III. Republik (1879) machte die Marseille zur Nationalhymne; und 1887 nahm das Kriegsministerium nach Anhörung einer Kommission eine "offizielle Fassung" an. Im September 1944 wurde durch einen Runderlass des Erziehungsministeriums angeordnet, dass die Marseillaise in sämtlichen Schulen gesungen werde, "um unsere Befreiung zu feiern und unserer Märtyrer zu gedenken". In den Verfassungen von 1946 und 1958 (Artikel 2) wurde die Marseillaise als Nationalhymne beibehalten. Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing wollte, dass man die Ausführung der Marseillaise wieder verstärkt der ursprünglichen Fassung anpasste und ließ deshalb deren Rhythmus verlangsamen. Ab 1981 jedoch wird die Hymne wieder nach den vor 1974 gespielten Partituren und Rhythmen interpretiert.

Anwendungen. Die mit der Republik und Revolution verbundene Symbolik der Marsailles wurde auch von anderen politischen Gruppen genutzt. So gibt es eine "Deutsche Arbeiter-Marsailles" im Jahre 1864 von Jakob Audorf für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV, die zur Melodie der Marseillaise geschrieben und am Begräbnistag von Ferdinand Lassalle noch im Refrain umgeschrieben wurde ("Der kühnen Bahn nun folgen wir, die uns geführt Lassalle!") oder die Fassung von Ferdinand von Freiligrath aus dem Jahre 1848, die auch im amerikanischen Bürgerkrieg von den deutsch-amerikanischen Soldaten von August Willich's Brigade beispielsweise nach der Shiloh Schlacht (1861) gesungen wurde.

Trotz des Scheiterns der Revolution von 1848 hatte die Arbeiterbewegung in den folgenden Jahrzehnten steten Zulauf. Ein wichtiges Mittel um auf sich aufmerksam zu machen war dabei das Arbeiterlied, denn bei allen öffentlichen Gelegenheiten ­ ob Demonstrationen und Protestmärsche, Feiern oder Begräbnisse von bedeutenden Arbeiterführern ­ wurde publikumswirksam gesungen, zum Beispiel die "Arbeitermarseillaise". Das Singen von Arbeiterliedern war Teil einer "alternative culture" von links: in Opposition zur bürgerlichen Kultur schuf sich die Arbeiterbewegung eigene Traditionen und Rituale. Die in der sozialdemokratischen Partei organisierten Arbeiter beteiligten sich auch nicht am   "Hurra­Patriotismus", der mit der kriegerischen Reichsgründung in den Jahren 1870/1871 Einzug hielt. Anstelle patriotischer "Sedan­Feiern" (in Bezug auf die Eroberung der strategisch wichtigen französischen Festung Sedan) richteten die Arbeiter "Märzfeiern" aus, die sich gleichzeitig auf den Beginn der Revolution im März 1848 in Berlin bezogen und auf den Beginn des Pariser Kommune­Aufstandes im März 1871.

Ferdinand Freiligrath erscheint uns heute  als ein konservativer Literat und Lyriker, dessen Verszeilen uns auf den ersten Blick geschwulstig und komisch erscheinen, der aber umgekehrt Teil des Vormärz und der deutschen Revolutionen war und wegen seiner Veröffentlichungen immer wieder aus Deutschland emigrieren musste.

Arbeiter-Marseillaise 

Frisch auf zur Weise von Marseille, frisch auf ein Lied mit hellem Ton!
Singt es hinaus als die Reveille der neuen Revolution!
Der neuen Revolution!
Der neuen, die mit Schwert und Lanze die letzte Fessel bald zerbricht
Der alten, halben singt es nicht!
Uns gilt die neue nur, die ganze!
Die neue Rebellion! Die ganze Rebellion!
Marsch! Marsch! Marsch! Marsch!
Marsch - waer's zum Tod! Und unsre Fahn' ist rot!

Der Sommer reift des Frühlings Saaten, drum folgt der Juni auf den März.
O Juni, komm und bring uns Taten! Nach frischen Taten lechzt das Herz!
Lass' deine Wolken schwarz sich ballen,
Bring uns Gewitter, Schlag auf Schlag!
Lass' in die ungesühnte Schmach
Der Rache Donnerkeile fallen!
Die neue Rebellion! Die ganze Rebellion!
Marsch! Marsch! Marsch! Marsch!
Marsch - waer's zum Tod! Und unsre Fahn' ist rot!

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17.4.08/5.2.2012/

Free mp3: Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne

Dieses Lied entstand vor dem deutsch-französischen Krieg 1870/71. Es wurde verboten, jedoch in der deutschen und österreichischen Armee bis 1918 gesungen. Es erlangte besonders unter den Sozialdemokraten während des deutsch-französischen Krieges als Antikriegslied einige Popularität.

1871 wurden ein Buchdruckereibesitzer und ein Schriftsetzer aus Zwickau des Hochverrats angeklagt und später freigesprochen, weil sie dieses Lied in 800 bis 900 Exemplaren hatten verbreiten wollen. Noch 1896 trug es einem aufmüpfigen Sänger ein Jahr Festungshaft ein.


Ich bin Soldat doch bin ich es nicht gerne

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Noten: S 7 - SOLDAT DER FREIHEIT WILL ICH GERNE SEIN, pdf.

Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne,
als ich es ward, hat man mich nicht gefragt.
Man riss mich fort, hinein in die Kaserne
gefangen ward ich, wie ein Wild gejagt
ja, von der Heimat, von des Liebchens Herzen
musst´ ich hinweg und von der Freunde Kreis.
Denk ich daran, fühl´ ich der Wehmut Schmerzen
fühl´ in der Brust des Zornes Glut so heiß.

Ich bin Soldat, doch nur mit Widerstreben
ich lieb' ihn nicht, den blauen Königsrock
ich lieb' es nicht, das blut'ge Waffenleben
mich zu verteid'gen wär' genug ein Stock.
O sagt mir an, wozu braucht ihr Soldaten?
Ein jedes Volk liebt Ruh' und Frieden nur
allein aus Herrschsucht und dem Volk zum Schaden
lasst ihr zertreten, ach, die gold'ne Flur!

Ich bin Soldat, muss Tag und Nacht marschieren
statt an der Arbeit, muss ich Posten steh'n
statt in der Freiheit, muss ich salutieren
und muss den Hochmut frecher Burschen seh'n.
Und geht's ins Feld, so muss ich Brüder morden
von denen keiner mir zuleid was tat
dafür als Krüppel trag' ich Band und Orden
und hungernd ruf ich dann: Ich war Soldat!

Ihr Brüder all', ob Deutsche, ob Franzosen
ob Ungarn, Dänen, ob vom Niederland
ob grün, ob rot, ob blau, ob weiß die Hosen
gebt euch statt Blei zum Gruß die Bruderhand!
Auf, lasst zur Heimat uns zurück marschieren
von den Tyrannen unser Volk befrei'n
denn nur Tyrannen müssen Kriege führen
Soldat der Freiheit will ich gerne sein

Text: unbekannt
Musik: " Denkst du daran, mein tapferer Lagienka "

Parodie. Lieder, die sich kritisch oder anklagend mit dem Militär auseinander setzen, haben selten prominente Verfasser. Oft spontan, auf bereits populäre Melodien getextet, entstanden sie vielfach im Schutz der Anonymität. Anders hier, in der Parodie auf "Ich bin Soldat doch bin ich es nicht gerne"

Ich bin Soldat und bin es mit Vergnügen
Text: Karl Hirsch -
Musik: auf die Melodie " Denkst du daran mein tapferer Lagienka "
in Max Kegel : Sozialdemokratisches Liederbuch von 1896, Seite 63

Ich bin Soldat und bin es mit Vergnügen
als man mich nahm, hat man mich erst gefragt
"Wirst du´s auch gern?" ich sprach: " Ich müsste lügen,
wenn dies Geschäft nicht stets mir zugesagt"
Was gibt es schön´res denn, wie Exerzieren
Patrouillen, Posten, Ordonnanzen sein
Und auf Befehl bald Stehen, bald marschieren
O welches Glück, welch Glück, Soldat zu sein!

Ich bin Soldat, was kann es Schön´res geben
in Lust und Kurzweil mir die Stunden fliehn
Mein Sold ist reichlich für ein flottes Leben
Kasernen sind mir Ferienkolonien
Und geht´s ins Feld, ein Dasein voller Reize
harrt meiner dann im schönen Frankenland
sind Krüppel wir, so werden Eisenkreuze
als Siegespreis dem Helden zuerkannt

Drum hol der Teufel alle Zivilisten
es lebe nur der edle Kriegerstand
Nur Militär, ob Juden oder Christen
sei´n hochgeehrt im Deutschen Vaterland
Auf, laßt zur Heimat uns zurückmarschieren
laßt von der Freiheit unser Volk befrei´n
Laßt uns alljährlich neue Kriege führen
Ich bin Soldat und will es gerne sein.
25.7.08/30.1.12/

Deserteurslied: O König von Preußen (Text - Noten - Hintergründe)

Dieses Soldaten- und Klagelied aus dem Preußen des 18. Jahrhunderts lässt den Jammer, die Eintönigkeit, Armut und Willkür des Soldatsein im Absolutismus erleben, versetzt den Hörer historisch in die Perspektive "kleiner Leute" und lässt Lieder als ein Mittel der psychischen Entlastung und Kritik erfahren.



Gesungen wurde der Text zu einem offiziellen preussischen Marschlied ("Wir preußischen Husaren). Beim Marschieren sangen die Soldaten ihren eigenen Text, wenn kein Vorgesetzter in der Nähe war. So konnten sie sich mit dem Text identifizieren und wenn sie sich beobachtet fühlten, konnten sie schnell wieder in den offiziellen Text singen. Eine Taktik die noch die verbotene Arbeiterbewegung für ihr Liedgut anwenden sollte.

Kollektiv contra Individuum. Und schliesslich ist da nicht nur das Spannungsverhältnis zwischen staatlicher und zivilgesellschaftlicher Sphäre, es ist der Widerspruch zwischen dem Kollektiv (des Militärs) und dem Individuum (als Deserteur).

Gassenlaufen. Das Gassenlaufen oder Spießrutenlaufen war eine der härtesten Strafen für die Soldaten.  Der Delinquent mußte zwischen den Kameraden hindurch gehen, die ihm dabei mit Ruten auf den Rücken schlugen. Viele wurden zu Krüppeln nach dem Gassenlauf oder starben an den Verletzungen..Diese äußerst harte Strafe wurde in Preußen 1808, in Württemberg 1818, in Österreich 1855 und in Russland erst 1863 abgeschafft.

Text: O König von Preußen
(18. Jh., Deserteurlied, Autor unbekannt)

O König von Preußen, Du großer Potentat
Wie sind wir deines Dienstes so überdrüßig satt!
Was fangen wir jetzt an in diesem Jammertal
Allwo ist nichts zu finden als lauter Not und Qual.

Und kommt das Frühjahr an dann ist die große Hitz'
Da muß man exerzieren daß ei'm der Buckel schwitzt.
Da muß man exerzieren von Morgen bis Mittag
Und das verfluchte Leben das währt den ganzen Tag.

Vom exerzieren weg, geht's wieder auf die Wacht,
Kein Teufel tut nicht fragen ob man gefressen hat.
Kein Branntwein in der Flaschen, kein weißes Brot dabei,
Ein schlechtes Tabakrauchen das ist der Zeitvertreib.

 Link ➨ 
27.3.11/23.1.12/

Militärgeschichte aus der Perspektive des Weglaufens

Zu den Deserteursliedern gibt es interessantes Hintergrundmaterial: Der in Kopenhagen lehrende Soziologe Henning Eichberg hat in der Zeitschrift zur Erforschung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, (Duncker & Humblot Heft 3/2000) seine Untersuchung über "Desertion zwischen Individualisierung, Zivilgesellschaft, Macht und Markt" veröffentlicht.

Der Soziologe Henning Eichberg definiert anhand des Deserteurs eine neue Form der Sozialgeschichte des Militärs, die aus der Perspektive des "Verweigerers":
"Den Deserteur umgab lange Zeit ein eigentümliches Schweigen. Gegenstand der Militärgeschichte war der Soldat, der kämpfte oder doch wenigstens zur Verfügung stand, und nicht derjenige, der weglief. Das Schweigen ist neueren Datums, denn im 18. Jahrhundert war die Desertion durchaus ein öffentliches Gesprächsthema. Doch dann verstummte der Diskurs, beginnend mit einem Verstummen des Deserteurs selbst, und das gibt der Figur des Deserteurs einen eigentümlichen Reiz, fast mehr noch als die Aufregung über den "Verräter". Auch das Verstummen ist, wie sich bei näherer Betrachtung zeigt, eine Art der Rede. ..."
 Link ➨ 
Desertion zwischen Individualisierung, Zivilgesellschaft, Macht und Markt
Militärgeschichte aus der Perspektive des Weglaufens "Zeitschrift für Historische Forschung", 27:2(2000) 229-247. Desertion zwischen Individualisierung, Zivilgesellschaft, Macht und Markt - Henning Eichberg, Kopenhagen - pdf, 82KB, 24 S. (2005)

Mehr Deserteurslieder

25.7.08/15.1.12/

Deutschamerikanische Lyrik der Achtundvierziger

Ein selten schönes und wertvolles Fundstück aus dem Web, das sich herunterzuladen lohnt! Besonders schön die"Flip-Datei". Hier kann man in dem digitaliserten Buch wie in einem richtigen Buch blättern und lesen. Und auch als "Print-on-Demand" kann sich der Sammler und Forscher das schöne Stück bestellen.

Das Buch von Gottlieb Betz, 1916 an der Univerisity of Pennsylvania verlegt, ist als Online-Angebot in mehrer Hinsicht ein starkes Offert. Einerseits erhellt es deutsch/österreichische Revolutionsgeschichte, erhellt welche kluge Köpfe an Amerika "Deutschland" immer wieder verloren hat, hat einen umfassenden Anhang mit patriotischer Lyrik und ist sowohl als PDF-Datei wie auch als Flip (ein digtialisiertes Buch am Bildschirm) zum Blättern und Lesen am Bildschirm vorhanden. Auch digital ein Sammlerstück und einmaliger Forschungs- und Lehrbehelf ...

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Deutschamerikanische Lyrik der Achtundvierziger
15.3.08/15.1.12/

"Which Side Are You On"

Florence Reece und Pete Seeger
singen während des
Solidarity Day in Washington D.C., 1981
Der Text ist auch mit wenig Englisch-Kenntnissen schnell verstanden. Der Sinn auch: Der Kampf der Kohlearbeiter 1931 für ihre Rechte in Kentucky. Auf welcher Seite stehst du? Das ist die Frage die Florence Reese, die Frau eines gewerkschaftlich organisierten Kohlearbeiters "dichtete".


Florence Reece. Das Dichten war aber nicht das Hobby dieser Frau und die Erzählung über die Entstehung des Liedes ist die: Florence Reece war die Gattin des Bergarbeitergewerkschafters Sam Reece in Kentucky (Harlan Count). Während eines Bergarbeiterstreiks kam es zu Gewaltausbrüchen und Exzessen durch die von den Unternehmern finanzierten Mörderbanden ("Gun-Thugs"). Von solchen wurde ihr Haus auf der Suche nach ihrem Mann Sam Reece heimgesucht. Dieser war  - rechtzeitig gewarnt - geflohen. Stattdessen terrorisierten der von der Minengesellschaft gekaufte Sheriff mit den Gun-Thugs Frau und Kinder. Als sie endlich abgezogen waren, schrieb Florence Reese den Text auf einen Wandkalender, wie er damals in jeder Küche hing.


Kirchenlied. Die Melodie stammt  - wie fast immer bei Arbeiterliedern - von anderswoher, meistens nämlich eine Melodie die man bereits im Ohr hatte. Es war ein von Baptisten gerne gesungenes Lied "Lay the Lily Low" . Später wurde wohl mehr geforscht und man wollte entdeckt haben, dass die Baptistenhymne lediglich den Refrain der englischen Ballade "Jack Munro" verwendete. Für die rasche Verbreitung war aber wohl nicht dieser britische Song verantwortlich sondern wohl der Umstand, dass die Kohlenarbeiter die Melodie aus ihren Gottesdiensten kannten.


Union-Song. Dazu kommt der leicht merkbare und einfache Text, der es ermöglichte, dass der Text auch rasch von anderen gewerkschaftlichen Gruppen und in Arbeitskämpfen adaptiert werden konnte. Der Text ist auch mit wenig Englisch-Kenntnissen schnell verstanden. Der Sinn auch: Der Kampf der Kohlearbeiter 1931 für ihre Rechte in Kentucky. Auf welcher Seite stehst du? Und er hat auch heute noch Sinn, denn das Leben hängt mit vielen Faktoren zusammen, von denen die Frage, auf welcher Seite der Straße man lebt, eine wichtige und prägende bleibt.


Which Side Are You On


Come all of you good workers
Good news to you I'll tell
Of how that good old union
Has come in here to dwell


(Chorus)
Which side are you on?
Which side are you on?
Which side are you on?
Which side are you on?


My daddy was a miner
And I'm a miner's son
And I'll stick with the union
Till every battle's won


They say in Harlan County
There are no neutrals there
You'll either be a union man
Or a thug for J.H. Blair


Oh, workers can you stand it?
Oh, tell me how you can
Will you be a lousy scab
Or will you be a man?


Don't scab for the bosses
Don't listen to their lies
Us poor folks haven't got a chance
Unless we organize


by Florence Reese, 1931

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15.1.12/

Buchenwaldlied

Eigentlich fühlte sich Fritz Beda Löhner sicher: "der Hitler mag meine Musik", soll er gesagt haben. Hitler war ja Fan von Franz Lehars Operetten. Aber schon am 1. April 1938 ging der erste sogenannte "Prominententransport" mit 151 Personenvon Wien nach Dachau. Darunter Fritz Beda Löhner, Schöpfer des Buchenwald-Marsches.


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Rezension - Fritz Cremer: Nur Wortgefechte? Schriften, Reden, Briefe  



Gedenkstätte. Am 14. September 1958 wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eingeweiht, in deren Mittelpunkt die Plastik des Bildhauers Fritz Cremer steht. Auf dem fertigen Sockel standen aber nur provisorisch bronzierte Gipsfiguren, denn die SED-Führung akzeptierte erst den dritten Entwurf. Aber immerhin: Die damalige DDR hatte das erste deutsche Denkmal für die Opfer des Faschismus geschaffen. Das vom Bildhauer Fritz Cremer 1958 fertiggestellte Werk gilt auch heute noch als erstes und bedeutendstes Mahnmal zur Erinnerung an die Gräuel der NS-Konzentrationslager in Deutschland.


1954 hatte Fritz Cremer den Auftrag bekommen, ein Denkmal für die Gedenkstätte Buchenwald zu schaffen. Die Plastik besteht aus einer Gruppe von elf Bronzefiguren, die KZ-Häftlinge darstellen: Kahle Schädel, zerlumpte Kleidung, ausgemergelte Körper. Doch: In der Gruppe sind keine wehrlosen Opfer, sondern heroische Sieger dargestellt. Die von den Nationalsozialisten rassistisch verfolgten Juden, Roma oder Homosexuellen tauchen so nicht auf, denn die SED-Führung hatte bereits zwei Entwürfe des Bildhauers abgelehnt. Die Nationale Mahn- und Gedenkstätte musste auch den Gründungsmythos für die DDR untermauern. Weder Waffen- noch Fahnenträger kamen ursprünglich darin vor. Als 1956 endlich der dritte Entwurf genehmigt wurde, war man mit dem Plansoll arg im Verzug. Deshalb wurden zur Einweihung des Glockenturms im September 1958 provisorisch bronzierte Gipsfiguren auf den fertigen Sockel gestellt. Die monumentalen bis zu vier Meter großen Figuren kamen erst im Sommer 1959 an ihren endgültigen Platz und sind seitdem Symbol für die Opfer und Toten das KZ Buchenwald.


Buchenwald. Die Nationalsozialisten hatten ab 1937 auf dem Ettersberg 250.000 Menschen aus ganz Europa interniert, 56.000 von ihnen kamen dort im Rahmen des Programms "Vernichtung durch Arbeit" ums Leben (Am 14. September 1942 notierte Reichsjustizminister Thierack als Ergebnis einer Aussprache mit Goebbels: "Hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens steht Dr. Goebbels auf dem Standpunkt, daß Juden und Zigeuner schlechthin (...) vernichtet werden sollen. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste.") Am 11. April 1945 traf die heranrückende US-Armee auf noch rund 21.000 Überlebende.


Im Dezember 1938 forderte "Schutzhaftlagerführer" Arthur Rödl die Häftlinge auf, ein Lagerlied für Buchenwald zu schreiben. Die beiden österreichischen Häftlinge Fritz Löhner-Beda und Hermann Leopoldi schufen in kürzester Zeit das dreistrophige Buchenwaldlied. Als Marschlied spielte es die Lagerkapelle zum Ein- und Auszug der Arbeitskolonnen.


Link ➨       Text: Buchenwaldlied
Wenn der Tag erwacht, eh' die Sonne lacht,
die Kolonnen zieh'n zu den Tages Müh'n
hinein in den grauenden Morgen.
Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot,
und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot
und im Herzen, im Herzen die Sorgen.

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen,
wie wundervoll die Freiheit ist!
O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag: Dann sind wir frei!

Und das Blut ist heiß und das Mädel fern,
und der Wind singt leis', und ich hab' sie so gern,
wenn treu sie, ja, treu sie nur bliebe!
Und die Steine sind hart, aber fest unser Tritt,
und wir tragen die Picken und Spaten mit
und im Herzen, im Herzen die Liebe.

O Buchenwald, ...

Und die Nacht ist kurz, und der Tag ist so lang,
doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang:
wir lassen den Mut uns nicht rauben!
Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut,
denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut
und im Herzen, im Herzen den Glauben.

O Buchenwald, ...


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Noten: Buchenwaldlied

Prominententransport. Am 1. April 1938 ging der erste sogenannte "Prominententransport" mit 151 Personenvon Wien nach Dachau. Darunter Fritz Beda Löhner, der Librettist Lehars Operetten und Schöpfer vieler Gassenhauer der 20-er Jahre ("Was machst Du mit dem Knie lieber Hans", "Ausgerechnet Bananen", "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren", ...) - und des Buchenwald-Marsches.


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Noch bevor der deutsche Einmarsch in den Morgenstunden des 12. März 1938 begann, landeten auf dem Asperner Flughafen in Wien SS-Chef Heinrich Himmler und seine Truppe, die sofort mit der Verhaftung der politischen Gegner begann. Richard Schmitz, Leopold Figl, Friedrich Hillegeist und Franz Olah zählten zu den ersten, die den SS-lern in die Hände fielen. Die SA durchsuchte die nach Osten abgehenden Züge auf freier Strecke nach Flüchtlingen. Und auch schon bevor am 10. April 1938 die hitlerische Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich begann, fuhren die ersten Züge in die Konzentrationslager.


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Die "Prominenten" waren Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Monarchisten (Legitimisten), Kommunisten: Friedrich Bock, der spätere ÖVP-Vizekanzler, der SPÖ-Stadtrat Robert Danneberg, Wiens Bürgermeister Richard Schmitz, Niederösterreichs Landeshauptmann Josef Reither, die späteren Bundeskanzler Leopold Figl und Alfons Gorbach, der spätere ÖGB-Präsident und Innenminister Franz Olah, Viktor Matejka, Ludwig Soswinski, der Richter Alois Osio, die Künstler Fritz Beda Löhner und Heinrich Sussmann standen neben zahlreichen anderen auf der Transportliste. Eigentlich fühlte sich Fritz Beda Löhner sicher: "der Hitler mag meine Musik", soll er gesagt haben. Hitler war ja Fan von Franz Lehars Operetten.


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Kulturwanderung: 10. Jänner-  Franz Lehar             

Etwa 50-60 Menschen des ersten "Prominententransportes" waren bereits jüdischer Religion oder Herkunft. Von Anfang an waren die österreichischen Juden die vom nationalsozialistischen Regime am schärfsten verfolgte Gruppe. Zahlreiche Transporte nach Dachau folgten, u. a. am 31. Mai und am 3. Juni 1938 mit je 600 jüdischen Häftlingen; schließlich erreichten die KZ-Einweisungen aus Österreich während des Novemberpogroms 1938 einen ersten Höhepunkt, als 3.700 Juden aus Wien in das KZ Dachau gebracht wurden. Weitere Transporte mit österreichischen Juden gingen in das KZ Buchenwald. Aus allen vorliegenden Berichten geht hervor, dass es während des Transportes und insbesondere bei der Ankunft in Dachau ständig zu Demütigungen und Misshandlungen der Häftlinge seitens des begleitenden SS-Personals kam. "Faules, verjudetes und verpfafftes Kaffeehausgesindel" waren die Österreicher im Jargon der SS. Der erste in Dachau umgekommene Österreicher war der am 28. April 1938 in den Selbstmord getriebene Hans Kotanyi, Gesellschafter der gleichnamigen Paprikamühle; Josef Kende wurde am 24. Oktober 1938 das erste österreichische Opfer im KZ Buchenwald. Ab dem Novemberpogrom 1938 waren oft und nahezu jeden Tag mehrere jüdische Opfer zu beklagen. Während 1938/39 noch Entlassungen von jüdischen KZ-Häftlingen - bei Vorliegen von Einreisedokumenten für andere Länder - möglich waren, setzte nach Kriegsausbruch 1939 im KZ Buchenwald ein permanenter Massenmord an Juden ein, der als Vorstufe des Holocaust anzusehen ist.

Prominente und Prominente. Vom Prominententransport nicht betroffen waren die wirklich Prominenten. Sie hatten sich arrangiert. Der christlich-soziale Politiker Wilhelm Miklas war vom 10.12.1928 bis 13.3.1938 Bundespräsident. Seine Amtsführung dienerte dem Faschismus, weil er weder 1933 die Ausschaltung des Nationalrats verhinderte, noch die Regierungsarbeit auf Grund des kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes untersagte. Seine Amtszeit wäre nach sechs Jahren abgelaufen gewesen, trotzdem repräsentierte er weiter für den faschistischen Ständestaat. Doch 1938 zeigte er noch einmal ein Fünkchen Mut, ließ sich doch auch diesen abkaufen. Er trat 1938 zurück, um die rechtmäßige Entstehung des Anschlussgesetzes im Sinne der Verfassung aus dem Jahre 1934 nicht unterzeichnen zu müssen, und erhielt dafür eine "Ehren-Pension" von Adolf Hitler zugesprochen.

Der glücklose Kanzler Kurt Schuschnigg versuchte, in einer Erklärung vom 11. Juni 1938 seine Politik im Nachhinein zu rechtfertigen. Er schloss diese Erklärung mit den Worten: "Persönlich erkläre ich meinen festen und freien Willen, in bedingungs- und vorbehaltloser Loyalität zu Führer, Reich und Volk zu stehen, und wäre froh, der deutschen Sache dienlich sein zu können". Dass der Prominente es auch noch unter den Nazis besser hatte und eine Behandlung erfuhr, von der die im "Prominententransport" nur träumen konnten, zeigt ein Auszug aus den Wachvorschriften der Gestapo Wien vom 8. September 1938: "Dem Sch. ist das Betreten des WC auf Verlangen zu gestatten. Vor dem Betreten muss jedoch das Fenster des WC geschlossen werden. Der diensthabende Wachtmeister hat den Sch. auch während des Aufenthaltes im WC in taktvoller Weise zu überwachen. Die Tür zum WC ist während des Aufenthaltes des Sch. in diesem Raum nicht ganz zu verschließen, so dass eine Überwachungsmöglichkeit besteht . . . Außerdem ist es dem Sch. gestattet, sich Obst und Zigaretten besorgen zu lassen . . . der Wachhabende hat darauf zu achten, dass kein übermäßiger Verbrauch von Alkohol und Zigaretten erfolgt. Falls Sch. an einem Tag mehr als 30 Zigaretten verlangt, ist auf Zimmer 316 Meldung zu erstatten."


Der ehemalige Vorarlberger Heimwehrführer und Landeshauptmann Otto Ender, Kurzzeit -Bundeskanzler und Schöpfer der austrofaschistischen Maiverfassung von 1934, der bis zum Anschluss noch Rechnungshofpräsident war, ließ sich nach 1945 als Verfolgter des Nazi-Regimes bezeichnen. Dem Demokratiefeind hatten die Nazis nicht mehr getan als ihn zu beobachten. Miklas hatte Otto Ender in den Märztagen des Jahres 1938 zweimal gebeten das Amt des Bundeskanzlers zu übernehmen, damit er nicht den Nazi Seyß-Inquart bestellen müsse. Doch Otto Ender drückte sich feige und arrangierte sich in der Folgezeit.

Fritz Beda Löhner. Schon am 13. März 1938 wurde Löhner festgenommen und in das Gefangenenhaus auf der Elisabethpromenade gebracht, am 1. April im "Prominenten-Transport Nr. 1" ins KZ Dachau verfrachtet, im September weiter ins KZ Buchenwald. Dort entstand der "Buchenwald-Marsch", dessen Musik Hermann Leopoldi schrieb. 1942 wurde Löhners Frau, deren Mutter sowie die beiden Töchter nach Minsk deportiert und Fritz Löhner ins KZ Auschwitz-Monowitz verlegt, wo die IG-Farben ein Werk errichten ließ. Eines Tages kamen fünf Direktoren von der IG-Farben, sahen diesen Mann, der sich so dahinschleppte und einer sagte "Der Jude da könnte auch schneller arbeiten" – und das war das Todesurteil. Kurz darauf wird Fritz Löhner von einem Kapo brutal zusammengeschlagen. Er stirbt am 4. Dezember 1942 in der Krankenbaracke.

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Fritz LÖHNER-BEDA

In Wien aufgewachsen, veröffentlicht er schon als Schüler satirische Gedichte, wird bekannt als scharfzüngiger Feuilletonist. Er verfasst Drehbücher für den Stummfilm, schreibt Sketche für den jungen Hans Moser. Seine Welt sind die Kaffeehäuser, wo sich das Künstlervölkchen trifft - er wird berühmt.

Den ganz großen Durchbruch hatte Fritz Löhner-Beda Ende der 20er Jahre als Librettist des Operettenfürsten Franz Lehar. "Das Land des Lächelns" wird ihr größter Erfolg - mit Richard Tauber in der Hauptrolle. Tauber wird durch das "Tauber-Lied" weltberühmt. Die Schallplatte wird zum Mega-Seller der Saison - und macht Löhner zum Tantiemenmillionär. Er ist auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Die für Lehar geschriebenen Operetten "Friedericke" und "Giuditta" werden nicht nur an der Wiener Staatsoper gefeiert.

Auch Hitler zählt zu den Fans der schmalzigen Stücke. Franz Lehar ist sein Lieblingskomponist.
"Freunde, das Leben ist lebenswert", heißt einer der beliebtesten Songs im Wunschkonzert des Weltkriegsdeutschlands. Was die Deutschen nicht wissen, nicht wissen dürfen: der Autor des Liedes ist der Jude Fritz Löhner-Beda. Er muss noch im KZ für die gute Laune und die Propaganda der Nazis herhalten. Und wer kennt sie nicht noch heute, die Gassenhauer: "Was machst Du mit dem Knie lieber Hans", "Ausgerechnet Bananen", "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren", ...


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Hermann LEOPOLDI 

Hermann Leopoldi. Er wird am 15. August 1888 als Hermann Kohn in Wien/Meidling geboren.Der Sohn eines Musikers erhält Klavierunterricht beim Vater, ab dem 16. Lebensjahr Musiker. Nach Ende des Ersten Weltkrieges gründet er mit dem Komiker Fritz Wiesental das Kabarett Leopoldi-Wiesental. Zwischenspiel in Berlin, Rückkehr nach Wien. In den 1920er und 30er Jahren einer der populärsten Wienerlied- und Schlagerkomponisten. 1937 erfolgt die Verleihung des Österreichischen Silbernen Verdienstzeichen. 

1938 Leopoldi wird in die Konzentrationslager Dachau und später Buchenwald deportiert, wo er auf Anordnung des Lagerkommandanten mit Dr. Fritz Beda-Löhner das Buchenwaldlied schuf, welches die KZ-Insassen beim Marschieren singen mußten. 1939 wird Hermann Leopoldi von seiner Familie 'freigekauft' und kann nach New York emigrieren.

Barpianist im Old Vienna. Als Duo mit der Österreicherin Helly Möslein wird er mit der englischen Version des Wiener Liedes Ein kleines Cafe in Hernals in ganz Amerika berühmt. 1947 kehrt das Duo auf Einladung Bürgermeister Körners nach Wien zurück. Tourneen durch Österreich, Deutschland und die Schweiz, Schallplatten und Film. 1958 erhält er das "Goldene Verdienstzeichens der Republik Österreich". Am 28. Juli 1959 stirbt Hermann Leopoldi an den Folgen eines Herzinfarkts. Hermann Leopoldis Ringelspiel, Powidl Tatschkerl oder Schnucki .. fohr' ma nach Kentucky sind bis heute unvergessen.
25.6.11/10.1.12/

Trotz alledem!

Ferdinand Freiligrath erscheint uns heute als ein konservativer Literat und Lyriker, dessen Verszeilen uns auf den ersten Blick geschwulstig und komisch erscheinen, der aber umgekehrt Teil des Vormärz und der deutschen Revolutionen war und wegen seiner Veröffentlichungen immer wieder aus Deutschland emigrieren musste.

Ferdinand Freiligrath. Er gehörte im 19. Jahrhundert in den Kreis der populären und liberalen Freigeistern in einem feudal-restaurativ geprägten Deutschen Reich. Er kannte Karl Marx, Kerner, Hoffmann von Fallersleben und zählte viele andere bedeutende Denker der Zeit zu seinen Freunden.

Ferdinand Freiligrath (1810-1876), deutscher Lyriker und Übersetzer, der sich zunächst als Naturdichter, als "Löwendichter" einen Namen machte und deswegen sogar 1842 ein Ehrengehalt des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV. erhielt, auf welches er nach Kritik 1844 jedoch verzichtete. Er stand zunächst bewusst "über den Zinnen der Parteien" und somit etwa in Opposition zu seinem Kollegen Georg Herwegh, der sich als Dichter des aufkommenden Proletariats verstand. Politisiert wurde Freiligrath nicht zuletzt durch das Berufsverbot Hoffmanns von Fallersleben, mit dem ihn später eine jahrzehntelange tiefe Freundschaft verband.

Neue Rheinische Zeitung. 1845 schloss er Bekanntschaft mit Karl Marx und Franz Liszt, welche ihn in seinen demokratischen Bestrebungen bestärkten. Zeitweise – als Kaufmann auch aus beruflichen Gründen – immer wieder im Ausland, v.a. auch in England, war er 1848 Mitherausgeber der oppositionellen "Neuen Rheinischen Zeitung von Karl Marx und Friedrich Engels". Nach dem Scheitern der Revolution emigrierte er zeitweilig wieder nach London. Als Marx' "Neue Rheinische Zeitung" am 19. Mai 1849 ihr Erscheinen einstellen muss,. erscheint sie ein letztes Mal gänzlich in roter Schrift mit dem Gedicht Ferdinand Freiligraths (Mitglied des Bundes der Kommunisten) "Abschiedswort der Neuen Rheinischen Zeitung" an der Spitze.

Freiligraths Verhältnis zu Karl Marx und seiner Einschätzung des Kommunismus:
"Ich bin kein Communist, wenigstens nicht Communist von der enragirten Sorte, aber ich bin der Meinung, daß die neue Lehre, wenn sie auch nur einen Übergang vermitteln sollte, ein wesentlicher Fortschritt ist, uns daß sie, in der Humanität wurzelnd, mehr anregen, fördern und zuletzt zur Entscheidung bringen wird, als eine einseitig politische Anschauung. Ueber die Illusionen deutscher Constitutionen und Constitutiönchen sollten wir doch hinaus sein! Der Communismus wird eine Zukunft haben! Alle seine Träume werden nicht verwirklicht werden, aber wenn er auch, gleich dem Columbus, nicht in Indien landet, so wird er doch ein Amerika entdecken."
Trotz alledem. Freiligrath hatte sich nicht zuletzt auch als Übersetzer von Werken verschiedener französischer und englischer Dichter Renomée erworben, etwa von Gedichten und Liedern von Viktor Hugo und Alfred de Musset, aber auch des schottischen Nationaldichters Robert Burns "Trotz alledem" (1844) stellt eigentlich nur eine - wenn auch überaus gelungene – Eins-zu-Eins-Übersetzung des Liedes "A Man's A Man for A' That" von Robert Burns dar. Es wurde in der u.a. von Karl Marx herausgegebenen "Neuen Rheinischen Zeitung" abgedruckt und zu der aus dem 18. Jahrhundert stammenden schottischen Melodie "Lady Mackintosh's Reel" des schottischen Nationaldichters Robert Burns gesungen. Besonderer Anlass: "Trotz alledem" wird zur Wiedereröffnung des Schottischen Parlamentes intoniert.

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Das war ‘ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
Nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem -
Trotz Wien, Berlin und alledem -
Ein schnöder scharfer Winterwind
Durchfröstelt uns trotz alledem!

Das ist der Wind der Reaktion
Mit Meltau, Reif und alledem!
Das ist die Bourgeoisie am Thron -
Der annoch steht, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Blutschuld, Trug und alledem -
Er steht noch und er hudelt uns
Wie früher fast, trotz alledem!

Die Waffen, die der Sieg uns gab,
Der Sieg des Rechts trotz alledem,
Die nimmt man sacht uns wieder ab,
Samt Kraut und Lot und alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Parlament und alledem -
Wir werden unsre Büchsen los,
Soldatenwild trotz alledem!

Doch sind wir frisch und wohlgemut,
Und zagen nicht trotz alledem!
In tiefer Brust des Zornes Glut,
Die hält uns warm trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Es gilt uns gleich trotz alledem!
Wir schütteln uns: Ein garst'ger Wind,
Doch weiter nichts trotz alledem!

Denn ob der Reichstag sich blamiert
Professorhaft, trotz alledem!
Und ob der Teufel reagiert
Mit Huf und Horn und alledem -
Trotz alledem und alledem,
Trotz Dummheit, List und alledem,
Wir wissen doch: die Menschlichkeit
Behält den Sieg trotz alledem!

So füllt denn nur der Mörser Schlund
Mit Eisen, Blei und alledem:
Wir halten aus auf unserm Grund,
Wir wanken nicht trotz alledem!
Trotz alledem und alledem!
Und macht ihr's gar, trotz alledem,
Wie zu Neapel jener Schuft:
Das hilft erst recht, trotz alledem!

Nur, was zerfällt, vertretet ihr!
Seid Kasten nur, trotz alledem!
Wir sind das Volk, die Menschheit wir,
Sind ewig drum, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem:
So kommt denn an, trotz alledem!
Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht -
Unser die Welt trotz alledem!

11.3.08/7.1.12/