Die Moorsoldaten - Lied vom Börgermoor

Nach dem Reichstagsbrand am 27.Februar 1933 wurde Wolfgang Langhoff verhaftet. In die Schweiz geflohen, veröffentlichte er bereits 1935 im Schweizer Spiegel Verlag in Zürich den Tatsachenbericht "Die Moorsoldaten".  Der zutiefst menschenverachtende Charakter des Faschismus zeigte sich in einer unbeschreiblichen Grausamkeit.
 
Die Moorsoldaten. Es ist eines der ersten öffentlichen Dokumente über das wahre Gesicht des Dritten Reiches und einer der ersten Versuche, die Welt zu warnen und zur Abwehr der drohenden Gefahr aufzurufen. Wolfgang Langhoff erzählt in seinem Buch auch die Geschichte der Entstehung des KZ-Liedes "Die Moorsoldaten". Es entstand in den Moor-Konzentrationslagern, einer Kette von fünfzehn Konzentrationslagern, die 1933 in Nazi-Deutschland gegründet wurden und die unter dem gemeinsamen Namen Emslandlager bekannt waren. Einer der bekanntesten Gefangenen war der Journalist und Pazifist Carl von Ossietzky, der 1933 ein Gefangener in Esterwegen war und 1935 den Friedensnobelpreis erhielt.

Dem institutionalisierten Terror, der in einer breiten Skala von Schikanen, Gewalttätigkeiten und sich widersprechenden Anordnungen bestand, um aus dem Häftling entweder einen "Volksgenossen" zu machen oder ihn (damals noch "nur") in den Selbstmord zu treiben, setzen die Gefangenen Widerstand entgegen. Die Lagerordnung, die die Häftlinge im Barackenbereich zu einer Art Selbstverwaltung verpflichtete, gestattete es, eine "geheime Leitung" aufzubauen, die ein Kontaktnetz errichtete und auf das praktische wie das politische Verhalten im Lager Einfluss nahm. Die Bemühungen um ideologischen Ausgleich und die Solidarität im Überlebenskampf aller Gruppen ermöglichten eine Verständigung der Häftlinge untereinander, von der das Moorsoldatenlied berichtet. Hier schreibt Johann Esser, ein Gewerkschafter die Urfassung von "Wir sind die Moorsoldaten", das wahrscheilich erste - und wohl bekannteste - KZ-Lied, das von Wolfgang Langhoff überarbeitet und  - ergänzt durch den Refrain -  mit einer Melodie nach Rudolf Goguel in die heute bekannte Form gebracht wurde.


Im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg werden 1933 in einer Nacht die Gefangenen von den SS-Wachen unmenschlich verprügelt. Nach dieser "Nacht der langen Latten" entsteht bei den Insassen der Plan, etwas für die eigene Ehre zu tun. Man will an einem Sonntag eine Theatervorstellung aufführen, den "Zirkus Konzentrazani", um den Peinigern zu zeigen, dass die Gefangenen nicht den Lebensmut verloren haben. Heimlich entsteht für diese Veranstaltung das Lied "Die Moorsoldaten". Am Schluss der Vorstellung erklingt es zum ersten Mal. Einer der Autoren, Wolfgang Langhoff, erinnert sich:

"Und dann hörten die Lagerinsassen zum ersten Mal das "Börgermoorlied", das inzwischen schon eine volksliedhafte Popularität erreicht hat. Einer sagte: "Kameraden, wir singen euch jetzt das Lied vom Börgermoor, unser Lagerlied. Hört gut zu und singt dann den Refrain mit."

"Schwer und dunkel im Marschrhythmus begann der Chor: "Wohin auch das Auge blicket ..." - Tiefe Stille! Wie erstarrt saß alles da, unfähig mitzusingen, und hörte noch einmal den Refrain: "Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor ..." (...). Leise und schwermütig begannen einige Kameraden mitzusummen. Sie blickten nicht nach rechts und nicht nach links. Ihre Augen sahen über den Stacheldraht weg - dorthin, wo der Himmel auf die endlose Heide stieß. (...) Ich sah den Kommandanten. Er saß da, den Kopf nach unten und scharrte mit dem Fuß im Sand. Die SS still und unbeweglich. - Ich sah die Kameraden. Viele weinten. (...)

"Auf und nieder gehn die Posten, Keiner, keiner, kann hindurch. Flucht kann nur das Leben kosten, ..." Diese Strophe hatten die Kameraden sehr leise gesungen und setzten plötzlich laut und hart mit der letzten Strophe ein:

"Doch für uns gibt es kein Klagen,
Ewig kann’s nicht Winter sein!
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor!"

(...) Damit schloss unsere Veranstaltung, und die einzelnen Baracken zogen diszipliniert und ruhig in ihre Quartiere zurück."

Lied vom Börgermoor. Das Moorsoldatenlied wurde zwei Tage später vom Kommandanten verboten. Aber die SS-Leute kamen immer wieder und sagten: "Habt ihr nicht das Lied?" Wir haben es oft aufgeschrieben. In der Schreinerei haben wir Stämme schräg abgeschnitten und darauf die Verse geschrieben, auf diese Holzscheiben. Überhaupt hat uns das Lied viel geholfen. Wenn irgendeine Veranstaltung war, wenn ein Kamerad verabschiedet wurde, der entlassen wurde, dann haben wir für ihn die erste und meist auch die letzte Strophe gesungen."

(Wolfgang Langhoff: Wir sind die Moorsoldaten, Stuttgart 1974, S. 190ff.)

Lied vom Börgermoor

1. Wohin auch das Auge blickt.
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquickt,
Eichen stehn kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin,
graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

4. Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet
sich nach Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

5. Auf und nieder geh´n die Posten,
keiner, keiner kann hindurch,
Flucht wird nur das Leben kosten,
vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann´s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen: Heimat,
Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!

Lieder des aufrechten Ganges. Der zutiefst menschenverachtende Charakter des Faschismus zeigte sich in einer unbeschreiblichen Grausamkeit in den Konzentrationslagern. In diesen wurden Menschen, die auf Grund ihrer politischen, religiösen, ethnischen oder sexuellen Identität von den faschistischen Machthabern nicht geduldet wurden, inhaftiert und planmäßig ermordet. Millionen starben in Gaskammern oder vielfach schon zuvor an den Folgen der zerstörenden Zwangsarbeit, die sie für die staatlichen Betriebe, sowie unter anderem für Konzerne wie die IG Farben, Siemens, Krupp und Daimler-Benz leisten mussten. Unter diesen Bedingungen hatten für viele politische Häftlinge die Lieder eine äußerst wichtige Funktion. Sie trugen dazu bei, eine innere Stärke bzw. die Kraft zum Überleben und zum Widerstand zu bewahren. Im Konzentrationslager Börgermoor entstand 1933 mit dem von politischen Häftlingen getexteten und komponierten Stück "Die Moorsoldaten" eines der bekanntesten Widerstandslieder gegen den Faschismus. Daneben gibt es aber eine Reihe anderer, etwa das Buchenwaldlied, das von dem Librettisten Lehars stammt oder das Dachaulied von Jura Soyfer.

Leichtmatrose Wolfgang Langhoff. Wolfgang Langhoff wird 1901 in Berlin als Sohn eines gut situierten Kaufmanns geboren. Wenig später zieht die Familie nach Freiburg im Breisgau. 1916, mitten im 1. Weltkrieg, bricht Langhoff die Schule ab und verdingt sich ohne Einwilligung der Eltern als Schiffsjunge und Leichtmatrose. Zwei Jahre fährt er zur See. 1919 erhält der theaterbegeisterte Autodidakt am Schauspielhaus in Königsberg eine erste Chance. Er beginnt zunächst als Statist, kann aber schon einige Zeit später das Rollenfach des "jugendlichen Liebhabers" ausfüllen. Für eine Spielzeit wechselt Langhoff 1923/24 ans Thalia-Theater in Hamburg. Langhoff kommt zu einer Zeit, in der sich in Hamburg - wie im ganzen deutschen Reich in Folge der katastrophalen wirtschaftlichen Situation sich die politische Lage extrem zugespitzt hat. Revolutionäre Massenaktion stehen im Oktober 1923 unmittelbar bevor, die in Hamburg in einen bewaffneten Aufstand unter der Beteiligung der KPD münden. Der Aufstand beeindruckt den gerade 23-jährigen Langhoff nachhaltig und darf als Initialzündung für sein lebenslanges politisches Engagement gewertet werden. Auch für Langhoffs berufliche Karriere bedeutet die Hamburger Stippvisite an einer renommierten Spielstätte einen großen Sprung nach vorn.
       
Zwischen 1924 und 1928 erhält er ein Engagement als "Erster jugendlicher Liebhaber" am Staatstheater in Wiesbaden. In diese Zeit fällt auch die zunehmende Politisierung Langhoffs. Der "elegante Dandy" entwickelt sich zum "politischen Menschen". Im Februar 1928 nimmt er Kontakt zum Schauspielhaus Düsseldorf unter Louise Dumont und Gustav Lindemann auf und wird engagiert. Zur Spielzeit 1932/33 wird Langhoff als Regisseur und Schauspieler an die Städtischen Bühnen Düsseldorf engagiert. Andere Kollegen vom Schauspielhaus erhalten ebenfalls eine Chance. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten bedeutet auch für Langhoff persönlich eine scharfe Zäsur. Als exponiertes KPD-Mitglied steht er auf der Liste der Gefährdeten ganz oben. Noch am 15. Februar 1933 kann er seine Inszenierung des "Zerbrochenen Krugs" auf die Bühne bringen. Auch der Theaterzettel weist seinen Namen aus. Am 28. Februar 1933 wird Wolfgang Langhoff in seiner Düsseldorfer Wohnung wegen Vorbereitung zum Staatsstreich als einer der ersten Künstler in "Schutzhaft" genommen.

Zürcher Schauspielhaus. Währenddessen mobilisieren Schauspielkollegen von Langhoff in Zürich die Schweizer Öffentlichkeit. Demonstrativ wird bereits der inhaftierte Langhoff als Mitglied des Zürcher Schauspielhauses geführt. Die bescheidene Bühne mit ihren kümmerlichen räumlichen und finanziellen Möglichkeiten wird sich durch ihr herausragendes Ensemble, bestehend aus zahlreichen exilierten Schauspielern und dem Bühnenbildner Teo Otto, aber auch durch die engagierte Spielplanpolitik zur bedeutendsten deutschsprachigen Bühne zwischen 1933 und 1945 entwickeln. Selbst als der Rechtsbeistand Langhoffs das Engagementangebot des Zürcher Schauspielhauses im Sommer 1933 vorlegen kann, hält der Düsseldorfer Polizeipräsident : "... eine Entlassung noch nicht für angebracht und erachtet ein weiteres Verbleiben des Langhoff im Lager so lange für geboten, bis er durch willige Arbeit im Moor und durch sein gesamtes Verhalten beweise, dass er würdig sei, wieder seine Freiheit zu genießen".

Im November 1933 wird Langhoff nach Lichtenburg verlegt und am 31. März 1934 im Rahmen der Osteramnestie entlassen. Die Wiederaufnahme seiner schauspielerischen Tätigkeit ist unter den veränderten politischen Bedingungen nahezu aussichtslos. Auch droht ihm ständig eine erneute Verhaftung. Gewarnt durch einen Berliner Polizeibeamten gelingt Langhoff Ende Juni 1934 die Flucht in die Schweiz. Im September 1934 steht er zum ersten Mal auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses. Er ist Karl Moor, Fiesco, Peer Gynt, Tellheim und Geßler - am bedeutenden antifaschistischen Theater deutscher Sprache, Sammelpunkt zahlreicher Emigranten wie Therese Giehse, Therese Raky, Emil Stöhr, Karl Paryla, Wolfgang Heinz. 1943 gibt er im Parteiauftrag die illegale Zeitschrift "Freies Deutschland" heraus und gründet eine Gruppe gleichen Namens.

Von 1945 bis 1946 ist Langhoff Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, von 1946 bis 1963 Intendant des Deutschen Theaters Berlin. Er beherbergt zunächst auch Brechts Berliner Ensemble. Zu seinen wichtigsten Inszenierungen gehören "Faust" (1949 und 1954) und "Iphigenie von Tauris" von Goethe, "Don Carlos" von Schiller, "Minna von Barnhelm" von Lessing, "Die Schlacht bei Lobositz" und "Der Müller von Sanssouci", beides von Hacks.

Stalins Arm. 1950 droht dem West-Emigranten die Verwicklung in einen Schauprozess nach dem Muster des Rajk-Prozesses in Budapest. Es geht um Noel Field, einem angeblichen US-amerikanischen Geheimdienstagenten, mit dem Langhoff in der Schweiz Kontakt hatte. In Wirklichkeit ist Noel Feld ein eingeschriebenes KP-Mitglied und hatte in der Kriegszeit vielen Kommunisten über einen Quäker-Hilfsfond geholfen und ihre Ausreise finanziert. Die SED-Funktionäre Paul Merker, Bruno Goldhammer, Lex Ende, Leo Bauer, Maria Weiterer, Bruno Fuhrmann, Hans Teubner, Walter Beling und Wolfgang Langhoff werden in diesem Zusammenhang aller ihrer Funktionen enthoben und aus der SED ausgeschlossen. Bruno Bauer, Mitglied der KPD seit 1928 wurde als US-Agent und "Renegat" zum Tode verurteilt, zu Arbeitslager begnadigt, am 20.10.1955 in den Westen abgeschoben, er starb an den Folgen seiner Haft in Sibirien. Der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn Willi Kreikemeyer verübt in diesem Zusammenhang in Haft Selbstmord. 1953 stirbt Stalin, der Prozess gegen Langhoff fällt aus und er wird 1956 rehabilitiert.

In den Jahren bis zu seinem Tod wechseln öffentliche Demütigungen und Ehrungen durch den Staat ständig. Von 1962 bis 1966 ist er Vizepräsident der Akademie der DDR. Langhoff ist der prägende Regisseur und Schauspieler des DDR-Theaters. Er bindet Heinar Kipphardt und Peter Hacks als Autoren (und Dramaturgen) ans Deutsche Theater.

Mit Peter Hacks Stück "Die Sorgen und die Macht" (1962), worin der Bergarbeiter und Frauenheld Fidorra, Brikettmacher, durch die stürmische, handfeste Liebe zur Glasarbeiterin Hede Stoll einsehen lernt, dass die Brikettfabrik nicht mehr allzu viele, aber schlechte Briketts fabrizieren solle, deren Untauglichkeit die Produktivität der Glasfabrik schädigt, verbrannte sich nicht nur Hacks die Finger bei den DDR-Bonzen sondern auch Langhoff stürzte als Intendant. Trotz vieler Fassungen wurde das Stück schließlich als obszön, subjektivistisch und dem Ernst der Produktionsschlacht unangemessen verboten. Langhoff tritt nach entwürdigender Selbstkritik vor dem Politbüro ein Jahr später als Leiter des Deutschen Theaters zurück, wird zum Ehrenmitglied der Bühne ernannt. Zuletzt wirkt er als Schauspieler am Berliner Ensemble (als Langevin in "Die Tage der Commune" von Brecht).

Wolfgang Langhoff stirbt am 25. August 1966.

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29.2.08/4.9.11/

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