Seit den 1860er Jahren unterstützte Georg Herwegh zunächst den von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und ab 1869 den linken Flügel der deutschen Arbeiterbewegung, die von Bebel und Liebknecht gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Als am 23. Mai 1863 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet und Ferdinand Lasalle zum ersten Präsidenten gewählt wurde, bat er den Dichter Georg Herwegh um ein "kämpferisches und zugkräftiges" Bundeslied.
Es ist das erste Lied der politisch organisierten deutschen Arbeiterbewegung! Die Worte Herweghs, des Dichters der 1848er Revolution, wurden mehrere Male vertont, unter anderem auch von dem bekannten Dirigenten Hans von Bülow 1863, der die Melodie unter dem Pseudonym "W. Solinger" veröffentlichte. Seine Melodie konnte sich jedoch nie durchsetzen. Meistens wurde es nach der Melodie von "Schleswig Holstein stammverwandt" gesungen.
Ferdinand Freiligrath erscheint uns heute als ein konservativer Literat und Lyriker, dessen Verszeilen uns auf den ersten Blick geschwulstig und komisch erscheinen, der aber umgekehrt Teil des Vormärz und der deutschen Revolutionen war und wegen seiner Veröffentlichungen immer wieder aus Deutschland emigrieren musste.
Ferdinand Freiligrath. Er gehörte im 19. Jahrhundert in den Kreis der populären und liberalen Freigeistern in einem feudal-restaurativ geprägten Deutschen Reich. Er kannte Karl Marx, Kerner, Hoffmann von Fallersleben und zählte viele andere bedeutende Denker der Zeit zu seinen Freunden.
Ferdinand Freiligrath (1810-1876), deutscher Lyriker und Übersetzer, der sich zunächst als Naturdichter, als "Löwendichter" einen Namen machte und deswegen sogar 1842 ein Ehrengehalt des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV. erhielt, auf welches er nach Kritik 1844 jedoch verzichtete. Er stand zunächst bewusst "über den Zinnen der Parteien" und somit etwa in Opposition zu seinem Kollegen Georg Herwegh, der sich als Dichter des aufkommenden Proletariats verstand. Politisiert wurde Freiligrath nicht zuletzt durch das Berufsverbot Hoffmanns von Fallersleben, mit dem ihn später eine jahrzehntelange tiefe Freundschaft verband.
Neue Rheinische Zeitung. 1845 schloss er Bekanntschaft mit Karl Marx und Franz Liszt, welche ihn in seinen demokratischen Bestrebungen bestärkten. Zeitweise – als Kaufmann auch aus beruflichen Gründen – immer wieder im Ausland, v.a. auch in England, war er 1848 Mitherausgeber der oppositionellen "Neuen Rheinischen Zeitung von Karl Marx und Friedrich Engels". Nach dem Scheitern der Revolution emigrierte er zeitweilig wieder nach London. Als Marx' "Neue Rheinische Zeitung" am 19. Mai 1849 ihr Erscheinen einstellen muss,. erscheint sie ein letztes Mal gänzlich in roter Schrift mit dem Gedicht Ferdinand Freiligraths (Mitglied des Bundes der Kommunisten) "Abschiedswort der Neuen Rheinischen Zeitung" an der Spitze.
Freiligraths Verhältnis zu Karl Marx und seiner Einschätzung des Kommunismus:
"Ich bin kein Communist, wenigstens nicht Communist von der enragirten Sorte, aber ich bin der Meinung, daß die neue Lehre, wenn sie auch nur einen Übergang vermitteln sollte, ein wesentlicher Fortschritt ist, uns daß sie, in der Humanität wurzelnd, mehr anregen, fördern und zuletzt zur Entscheidung bringen wird, als eine einseitig politische Anschauung. Ueber die Illusionen deutscher Constitutionen und Constitutiönchen sollten wir doch hinaus sein! Der Communismus wird eine Zukunft haben! Alle seine Träume werden nicht verwirklicht werden, aber wenn er auch, gleich dem Columbus, nicht in Indien landet, so wird er doch ein Amerika entdecken."
Trotz alledem. Freiligrath hatte sich nicht zuletzt auch als Übersetzer von Werken verschiedener französischer und englischer Dichter Renomée erworben, etwa von Gedichten und Liedern von Viktor Hugo und Alfred de Musset, aber auch des schottischen Nationaldichters Robert Burns "Trotz alledem" (1844) stellt eigentlich nur eine - wenn auch überaus gelungene – Eins-zu-Eins-Übersetzung des Liedes "A Man's A Man for A' That" von Robert Burns dar. Es wurde in der u.a. von Karl Marx herausgegebenen "Neuen Rheinischen Zeitung" abgedruckt und zu der aus dem 18. Jahrhundert stammenden schottischen Melodie "Lady Mackintosh's Reel" des schottischen Nationaldichters Robert Burns gesungen. Besonderer Anlass: "Trotz alledem" wird zur Wiedereröffnung des Schottischen Parlamentes intoniert.
Das war ‘ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
Nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem -
Trotz Wien, Berlin und alledem -
Ein schnöder scharfer Winterwind
Durchfröstelt uns trotz alledem!
Das ist der Wind der Reaktion
Mit Meltau, Reif und alledem!
Das ist die Bourgeoisie am Thron -
Der annoch steht, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Blutschuld, Trug und alledem -
Er steht noch und er hudelt uns
Wie früher fast, trotz alledem!
Die Waffen, die der Sieg uns gab,
Der Sieg des Rechts trotz alledem,
Die nimmt man sacht uns wieder ab,
Samt Kraut und Lot und alledem!
Trotz alledem und alledem,
Trotz Parlament und alledem -
Wir werden unsre Büchsen los,
Soldatenwild trotz alledem!
Doch sind wir frisch und wohlgemut,
Und zagen nicht trotz alledem!
In tiefer Brust des Zornes Glut,
Die hält uns warm trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
Es gilt uns gleich trotz alledem!
Wir schütteln uns: Ein garst'ger Wind,
Doch weiter nichts trotz alledem!
Denn ob der Reichstag sich blamiert
Professorhaft, trotz alledem!
Und ob der Teufel reagiert
Mit Huf und Horn und alledem -
Trotz alledem und alledem,
Trotz Dummheit, List und alledem,
Wir wissen doch: die Menschlichkeit
Behält den Sieg trotz alledem!
So füllt denn nur der Mörser Schlund
Mit Eisen, Blei und alledem:
Wir halten aus auf unserm Grund,
Wir wanken nicht trotz alledem!
Trotz alledem und alledem!
Und macht ihr's gar, trotz alledem,
Wie zu Neapel jener Schuft:
Das hilft erst recht, trotz alledem!
Nur, was zerfällt, vertretet ihr!
Seid Kasten nur, trotz alledem!
Wir sind das Volk, die Menschheit wir,
Sind ewig drum, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem:
So kommt denn an, trotz alledem!
Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht -
Unser die Welt trotz alledem!
11.3.08
[Letzte Aktualisierung 20.5.13] Das #Vorarlberger Bloghaus verlinkt interessante Weblogs.
Das "Badische Wiegenlied" mit den Versen "Schlaf', mein Kind, schlaf' leis, dort draußen geht der Preuß'..." ist Ludwig Pfaus Abgesang auf die deutsche 1848er Revolution. Es ist weit mehr als nur eine Kritik des enttäuschten Revolutionärs und Demokraten an den Zuständen und an der Kartätschen-Reaktion.
Badisches Wiegenlied. Ende 1847 kommt Ludwig Pfau nach Stuttgart und will ein eigenes Satireblatt nach dem Vorbild der "Fliegenden Blätter" machen. Im Januar 1848 erscheint auch tatsächlich die erste Nummer des "Eulenspiegel". Ludwig Pfau engagiert sich für demokratische und republikanische Ziele nicht zuletzt im württembergischen Landesausschuss. Der Text wurde erstmalig am 8. Dezember 1849 im "Eulenspiegel" veröffentlicht.
Kontrafaktur. Meist wird der Text zur Melodie "Schlaf Kindlein Schlaf" gesungen. Oft werden im politischen Lied bekannte Melodien verwendet. Man spricht dann von Kontrafaktur: auf eine bekannte Melodie wird ein neuer Text gesungen. Im allgemeinen geschieht dies aus folgenden Gründen: Die Melodie ist schnell verfügbar, sie muss nicht eigens erlernt werden. Die Vertrautheit und Attraktivität werben für die jeweilige Position. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den Text, weil die Melodie geläufig ist. Der Inhalt ist leichter zu behalten, weil er durch Melodie und Rhythmus gestützt ist.
Kartätschenprinz. Das Badische Wiegenlied war ein Beitrag Pfaus zum badisch-pfälzischen Aufstand und zu den Rastatter standrechtlichen Erschießungen der vielen Aufständischen, denen die Flucht in die Schweiz und von dort nach Frankreich oder Amerika nicht gelungen war. Es drückt die Enttäuschung über das Bürgertum, den deutschen Michel aus, das wieder seine Chancen auf Demokratie, Republik und Fortschritt verschläft und "nieder kartäscht" in das Untertänigkeitsverhältnis zurück fällt. Es zielte auf die Brutalität mit der Prinz Wilhelm von Preussen, der spätere Deutsche Kaiser Wilhem I., zuerst die Berliner Demonstration und später dann den Aufstand am Oberrhein niedergeschlagen, "nieder kartäscht" hatte, wie die Zeitgenossen meinten, weshalb sie diesen, nun wieder am Deutschen Eck zu Koblenz als Reiterstandbild zu besichtigenden Fürsten den Beinamen "Kartätschenprinz" gaben.
1. Schlaf', mein Kind, schlaf leis',
Dort draußen geht der Preuß',
Deinen Vater hat er umgebracht,
Deine Mutter hat er arm gemacht,
Und wer nicht schläft in guter Ruh',
Dem drückt der Preuß' die Augen zu.
Refrain:
Schlaf', mein Kind, schlaf leis',
Dort draußen geht der Preuß'
2. Der Preuß' hat eine blut'ge Hand,
Die streckt er über's badische Land,
Wir alle müßen stille sein
Als wie dein Vater unterm Stein.
Refrain
3. Zu Rastatt auf der Schanz',
Da spielt er auf zum Tanz,
Da spielt er auf mit Pulver und Blei,
So macht er alle Badener frei.
Refrain
4. Gott aber weiß, wie lang er geht,
Bis dass die Freiheit aufersteht,
Und wo dein Vater liegt, mein Schatz,
Da hat noch mancher Preuße Platz.
Schrei, mein Kindlein, schrei's:
Dort draußen liegt der Preuß!
Zuerst erschienen im Stuttgarter "Eulenspiegel", 8. Dezember 1849.
Ludwig Pfau. In der Revolution von 1848 wirkte er als Publizist und Herausgeber des satirischen Wochenblattes "Eulenspiegel". Württembergische Gerichte warfen ihm vor, auch in Württemberg - ähnlich wie in Baden - den Umsturz anzustreben. Von verschiedenen Gerichten in Württemberg wurde er verurteilt. Als Mitglied der "Schwäbischen Legion" zog er sich nach der gescheiterten Badischen Revolution im Juli 1849 in die Schweiz zurück. Danach muss das Lied entstanden sein. 1865 kehrte Pfau nach Stuttgart zurück und lebte hier bis 1894.
Quellenhinweis: Badisches Wiegenlied. Für eine Singstimme mit Begleitung des Piano-Forte.
Zum Besten deutscher politischer Flüchtlinge. [Straßburg 1849.] 3 S.
Liedanfang: "Schlaf’ mein Kind schlaf leis’"
(Standort: Bibliothèque Municipale de Strasbourg: A 13,824)
Faksimiledruck in: Barbara James und Walter Moßmann: Glasbruch 1848. Flugblattlieder und Dokumente einer zerbrochenen Revolution. Darmstadt u. Neuwied: Luchterhand 1983. S. 129-131. (Sammlung Luchterhand. 462) 3.4.11/25.2.12/
Ein selten schönes und wertvolles Fundstück aus dem Web, das sich herunterzuladen lohnt! Besonders schön die"Flip-Datei". Hier kann man in dem digitaliserten Buch wie in einem richtigen Buch blättern und lesen. Und auch als "Print-on-Demand" kann sich der Sammler und Forscher das schöne Stück bestellen.
Das Buch von Gottlieb Betz, 1916 an der Univerisity of Pennsylvania verlegt, ist als Online-Angebot in mehrer Hinsicht ein starkes Offert. Einerseits erhellt es deutsch/österreichische Revolutionsgeschichte, erhellt welche kluge Köpfe an Amerika "Deutschland" immer wieder verloren hat, hat einen umfassenden Anhang mit patriotischer Lyrik und ist sowohl als PDF-Datei wie auch als Flip (ein digtialisiertes Buch am Bildschirm) zum Blättern und Lesen am Bildschirm vorhanden. Auch digital ein Sammlerstück und einmaliger Forschungs- und Lehrbehelf ...
Ein Seminar-Skript von Frau Dr. Gisela Probst-Effah, (Sommersemester 2007, Köln), das einige ausgewählte Lieder thematisiert, liefert eine schnelle Information. Es ist immer ein politisches ("garstiges"?) Lied, von Haydns Kaiserhymne bis zu den Liedern der 1848er-Revolution, die thematisiert sind. Und dort wo der Lindenbaum oder La Paloma besprochen sind, leuchten die politischen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts durch. Das Seminar-Skript steht online zum Download zur Verfügung.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte.
Inhalt
Das „Lied der Deutschen“
Die „Internationale“
Die „Marseillaise“
Friedrich Silcher; „Der Lindenbaum“; „Loreley“
„La Paloma“
Weberlieder („Das Blutgericht“; Heinrich Heine: „Die schlesischen Weber“)
Auswanderung
Lieder der Revolution von 1848/49
Dr. Gisela Probst-Effah vom Institut für Europäische Musikethnologie in Köln ist mit ihren Foschungsschwerpunkten "Folkbewegung", "Lieder in der NS-Zeit", "Musik und Rassismus" und "Das 20. Jahrhundert im Spiegel seiner Lieder" bekannt geworden.
2. April 1850: "Wegen politischen Vergehens, Hochverrats und Verbreitung von Schriften" wird vom Untersuchungsgericht Heilbronn steckbrieflich gesucht: Ludwig Pfau. Als die Revolution scheiterte, floh Pfau Anfang Juni 1849 zunächst aus Württemberg nach Heidelberg, wo er mit dem badischen Volksheer nach Nordwürttemberg vorstoßen wollte. Die Konfrontation mit den anrückenden preußischen Truppen lies dies misslingen und Ludwig Pfau flüchtete in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 1849 in die Schweiz.