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Buchenwaldlied

Eigentlich fühlte sich Fritz Beda Löhner sicher: "der Hitler mag meine Musik", soll er gesagt haben. Hitler war ja Fan von Franz Lehars Operetten. Aber schon am 1. April 1938 ging der erste sogenannte "Prominententransport" mit 151 Personenvon Wien nach Dachau. Darunter Fritz Beda Löhner, Schöpfer des Buchenwald-Marsches.


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Rezension - Fritz Cremer: Nur Wortgefechte? Schriften, Reden, Briefe  



Gedenkstätte. Am 14. September 1958 wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eingeweiht, in deren Mittelpunkt die Plastik des Bildhauers Fritz Cremer steht. Auf dem fertigen Sockel standen aber nur provisorisch bronzierte Gipsfiguren, denn die SED-Führung akzeptierte erst den dritten Entwurf. Aber immerhin: Die damalige DDR hatte das erste deutsche Denkmal für die Opfer des Faschismus geschaffen. Das vom Bildhauer Fritz Cremer 1958 fertiggestellte Werk gilt auch heute noch als erstes und bedeutendstes Mahnmal zur Erinnerung an die Gräuel der NS-Konzentrationslager in Deutschland.


1954 hatte Fritz Cremer den Auftrag bekommen, ein Denkmal für die Gedenkstätte Buchenwald zu schaffen. Die Plastik besteht aus einer Gruppe von elf Bronzefiguren, die KZ-Häftlinge darstellen: Kahle Schädel, zerlumpte Kleidung, ausgemergelte Körper. Doch: In der Gruppe sind keine wehrlosen Opfer, sondern heroische Sieger dargestellt. Die von den Nationalsozialisten rassistisch verfolgten Juden, Roma oder Homosexuellen tauchen so nicht auf, denn die SED-Führung hatte bereits zwei Entwürfe des Bildhauers abgelehnt. Die Nationale Mahn- und Gedenkstätte musste auch den Gründungsmythos für die DDR untermauern. Weder Waffen- noch Fahnenträger kamen ursprünglich darin vor. Als 1956 endlich der dritte Entwurf genehmigt wurde, war man mit dem Plansoll arg im Verzug. Deshalb wurden zur Einweihung des Glockenturms im September 1958 provisorisch bronzierte Gipsfiguren auf den fertigen Sockel gestellt. Die monumentalen bis zu vier Meter großen Figuren kamen erst im Sommer 1959 an ihren endgültigen Platz und sind seitdem Symbol für die Opfer und Toten das KZ Buchenwald.


Buchenwald. Die Nationalsozialisten hatten ab 1937 auf dem Ettersberg 250.000 Menschen aus ganz Europa interniert, 56.000 von ihnen kamen dort im Rahmen des Programms "Vernichtung durch Arbeit" ums Leben (Am 14. September 1942 notierte Reichsjustizminister Thierack als Ergebnis einer Aussprache mit Goebbels: "Hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens steht Dr. Goebbels auf dem Standpunkt, daß Juden und Zigeuner schlechthin (...) vernichtet werden sollen. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste.") Am 11. April 1945 traf die heranrückende US-Armee auf noch rund 21.000 Überlebende.


Im Dezember 1938 forderte "Schutzhaftlagerführer" Arthur Rödl die Häftlinge auf, ein Lagerlied für Buchenwald zu schreiben. Die beiden österreichischen Häftlinge Fritz Löhner-Beda und Hermann Leopoldi schufen in kürzester Zeit das dreistrophige Buchenwaldlied. Als Marschlied spielte es die Lagerkapelle zum Ein- und Auszug der Arbeitskolonnen.


Link ➨       Text: Buchenwaldlied
Wenn der Tag erwacht, eh' die Sonne lacht,
die Kolonnen zieh'n zu den Tages Müh'n
hinein in den grauenden Morgen.
Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot,
und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot
und im Herzen, im Herzen die Sorgen.

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen,
wie wundervoll die Freiheit ist!
O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag: Dann sind wir frei!

Und das Blut ist heiß und das Mädel fern,
und der Wind singt leis', und ich hab' sie so gern,
wenn treu sie, ja, treu sie nur bliebe!
Und die Steine sind hart, aber fest unser Tritt,
und wir tragen die Picken und Spaten mit
und im Herzen, im Herzen die Liebe.

O Buchenwald, ...

Und die Nacht ist kurz, und der Tag ist so lang,
doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang:
wir lassen den Mut uns nicht rauben!
Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut,
denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut
und im Herzen, im Herzen den Glauben.

O Buchenwald, ...


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Noten: Buchenwaldlied

Prominententransport. Am 1. April 1938 ging der erste sogenannte "Prominententransport" mit 151 Personenvon Wien nach Dachau. Darunter Fritz Beda Löhner, der Librettist Lehars Operetten und Schöpfer vieler Gassenhauer der 20-er Jahre ("Was machst Du mit dem Knie lieber Hans", "Ausgerechnet Bananen", "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren", ...) - und des Buchenwald-Marsches.


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Noch bevor der deutsche Einmarsch in den Morgenstunden des 12. März 1938 begann, landeten auf dem Asperner Flughafen in Wien SS-Chef Heinrich Himmler und seine Truppe, die sofort mit der Verhaftung der politischen Gegner begann. Richard Schmitz, Leopold Figl, Friedrich Hillegeist und Franz Olah zählten zu den ersten, die den SS-lern in die Hände fielen. Die SA durchsuchte die nach Osten abgehenden Züge auf freier Strecke nach Flüchtlingen. Und auch schon bevor am 10. April 1938 die hitlerische Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich begann, fuhren die ersten Züge in die Konzentrationslager.


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Die "Prominenten" waren Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Monarchisten (Legitimisten), Kommunisten: Friedrich Bock, der spätere ÖVP-Vizekanzler, der SPÖ-Stadtrat Robert Danneberg, Wiens Bürgermeister Richard Schmitz, Niederösterreichs Landeshauptmann Josef Reither, die späteren Bundeskanzler Leopold Figl und Alfons Gorbach, der spätere ÖGB-Präsident und Innenminister Franz Olah, Viktor Matejka, Ludwig Soswinski, der Richter Alois Osio, die Künstler Fritz Beda Löhner und Heinrich Sussmann standen neben zahlreichen anderen auf der Transportliste. Eigentlich fühlte sich Fritz Beda Löhner sicher: "der Hitler mag meine Musik", soll er gesagt haben. Hitler war ja Fan von Franz Lehars Operetten.


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Kulturwanderung: 10. Jänner-  Franz Lehar             

Etwa 50-60 Menschen des ersten "Prominententransportes" waren bereits jüdischer Religion oder Herkunft. Von Anfang an waren die österreichischen Juden die vom nationalsozialistischen Regime am schärfsten verfolgte Gruppe. Zahlreiche Transporte nach Dachau folgten, u. a. am 31. Mai und am 3. Juni 1938 mit je 600 jüdischen Häftlingen; schließlich erreichten die KZ-Einweisungen aus Österreich während des Novemberpogroms 1938 einen ersten Höhepunkt, als 3.700 Juden aus Wien in das KZ Dachau gebracht wurden. Weitere Transporte mit österreichischen Juden gingen in das KZ Buchenwald. Aus allen vorliegenden Berichten geht hervor, dass es während des Transportes und insbesondere bei der Ankunft in Dachau ständig zu Demütigungen und Misshandlungen der Häftlinge seitens des begleitenden SS-Personals kam. "Faules, verjudetes und verpfafftes Kaffeehausgesindel" waren die Österreicher im Jargon der SS. Der erste in Dachau umgekommene Österreicher war der am 28. April 1938 in den Selbstmord getriebene Hans Kotanyi, Gesellschafter der gleichnamigen Paprikamühle; Josef Kende wurde am 24. Oktober 1938 das erste österreichische Opfer im KZ Buchenwald. Ab dem Novemberpogrom 1938 waren oft und nahezu jeden Tag mehrere jüdische Opfer zu beklagen. Während 1938/39 noch Entlassungen von jüdischen KZ-Häftlingen - bei Vorliegen von Einreisedokumenten für andere Länder - möglich waren, setzte nach Kriegsausbruch 1939 im KZ Buchenwald ein permanenter Massenmord an Juden ein, der als Vorstufe des Holocaust anzusehen ist.

Prominente und Prominente. Vom Prominententransport nicht betroffen waren die wirklich Prominenten. Sie hatten sich arrangiert. Der christlich-soziale Politiker Wilhelm Miklas war vom 10.12.1928 bis 13.3.1938 Bundespräsident. Seine Amtsführung dienerte dem Faschismus, weil er weder 1933 die Ausschaltung des Nationalrats verhinderte, noch die Regierungsarbeit auf Grund des kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes untersagte. Seine Amtszeit wäre nach sechs Jahren abgelaufen gewesen, trotzdem repräsentierte er weiter für den faschistischen Ständestaat. Doch 1938 zeigte er noch einmal ein Fünkchen Mut, ließ sich doch auch diesen abkaufen. Er trat 1938 zurück, um die rechtmäßige Entstehung des Anschlussgesetzes im Sinne der Verfassung aus dem Jahre 1934 nicht unterzeichnen zu müssen, und erhielt dafür eine "Ehren-Pension" von Adolf Hitler zugesprochen.

Der glücklose Kanzler Kurt Schuschnigg versuchte, in einer Erklärung vom 11. Juni 1938 seine Politik im Nachhinein zu rechtfertigen. Er schloss diese Erklärung mit den Worten: "Persönlich erkläre ich meinen festen und freien Willen, in bedingungs- und vorbehaltloser Loyalität zu Führer, Reich und Volk zu stehen, und wäre froh, der deutschen Sache dienlich sein zu können". Dass der Prominente es auch noch unter den Nazis besser hatte und eine Behandlung erfuhr, von der die im "Prominententransport" nur träumen konnten, zeigt ein Auszug aus den Wachvorschriften der Gestapo Wien vom 8. September 1938: "Dem Sch. ist das Betreten des WC auf Verlangen zu gestatten. Vor dem Betreten muss jedoch das Fenster des WC geschlossen werden. Der diensthabende Wachtmeister hat den Sch. auch während des Aufenthaltes im WC in taktvoller Weise zu überwachen. Die Tür zum WC ist während des Aufenthaltes des Sch. in diesem Raum nicht ganz zu verschließen, so dass eine Überwachungsmöglichkeit besteht . . . Außerdem ist es dem Sch. gestattet, sich Obst und Zigaretten besorgen zu lassen . . . der Wachhabende hat darauf zu achten, dass kein übermäßiger Verbrauch von Alkohol und Zigaretten erfolgt. Falls Sch. an einem Tag mehr als 30 Zigaretten verlangt, ist auf Zimmer 316 Meldung zu erstatten."


Der ehemalige Vorarlberger Heimwehrführer und Landeshauptmann Otto Ender, Kurzzeit -Bundeskanzler und Schöpfer der austrofaschistischen Maiverfassung von 1934, der bis zum Anschluss noch Rechnungshofpräsident war, ließ sich nach 1945 als Verfolgter des Nazi-Regimes bezeichnen. Dem Demokratiefeind hatten die Nazis nicht mehr getan als ihn zu beobachten. Miklas hatte Otto Ender in den Märztagen des Jahres 1938 zweimal gebeten das Amt des Bundeskanzlers zu übernehmen, damit er nicht den Nazi Seyß-Inquart bestellen müsse. Doch Otto Ender drückte sich feige und arrangierte sich in der Folgezeit.

Fritz Beda Löhner. Schon am 13. März 1938 wurde Löhner festgenommen und in das Gefangenenhaus auf der Elisabethpromenade gebracht, am 1. April im "Prominenten-Transport Nr. 1" ins KZ Dachau verfrachtet, im September weiter ins KZ Buchenwald. Dort entstand der "Buchenwald-Marsch", dessen Musik Hermann Leopoldi schrieb. 1942 wurde Löhners Frau, deren Mutter sowie die beiden Töchter nach Minsk deportiert und Fritz Löhner ins KZ Auschwitz-Monowitz verlegt, wo die IG-Farben ein Werk errichten ließ. Eines Tages kamen fünf Direktoren von der IG-Farben, sahen diesen Mann, der sich so dahinschleppte und einer sagte "Der Jude da könnte auch schneller arbeiten" – und das war das Todesurteil. Kurz darauf wird Fritz Löhner von einem Kapo brutal zusammengeschlagen. Er stirbt am 4. Dezember 1942 in der Krankenbaracke.

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Fritz LÖHNER-BEDA

In Wien aufgewachsen, veröffentlicht er schon als Schüler satirische Gedichte, wird bekannt als scharfzüngiger Feuilletonist. Er verfasst Drehbücher für den Stummfilm, schreibt Sketche für den jungen Hans Moser. Seine Welt sind die Kaffeehäuser, wo sich das Künstlervölkchen trifft - er wird berühmt.

Den ganz großen Durchbruch hatte Fritz Löhner-Beda Ende der 20er Jahre als Librettist des Operettenfürsten Franz Lehar. "Das Land des Lächelns" wird ihr größter Erfolg - mit Richard Tauber in der Hauptrolle. Tauber wird durch das "Tauber-Lied" weltberühmt. Die Schallplatte wird zum Mega-Seller der Saison - und macht Löhner zum Tantiemenmillionär. Er ist auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Die für Lehar geschriebenen Operetten "Friedericke" und "Giuditta" werden nicht nur an der Wiener Staatsoper gefeiert.

Auch Hitler zählt zu den Fans der schmalzigen Stücke. Franz Lehar ist sein Lieblingskomponist.
"Freunde, das Leben ist lebenswert", heißt einer der beliebtesten Songs im Wunschkonzert des Weltkriegsdeutschlands. Was die Deutschen nicht wissen, nicht wissen dürfen: der Autor des Liedes ist der Jude Fritz Löhner-Beda. Er muss noch im KZ für die gute Laune und die Propaganda der Nazis herhalten. Und wer kennt sie nicht noch heute, die Gassenhauer: "Was machst Du mit dem Knie lieber Hans", "Ausgerechnet Bananen", "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren", ...


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Hermann LEOPOLDI 

Hermann Leopoldi. Er wird am 15. August 1888 als Hermann Kohn in Wien/Meidling geboren.Der Sohn eines Musikers erhält Klavierunterricht beim Vater, ab dem 16. Lebensjahr Musiker. Nach Ende des Ersten Weltkrieges gründet er mit dem Komiker Fritz Wiesental das Kabarett Leopoldi-Wiesental. Zwischenspiel in Berlin, Rückkehr nach Wien. In den 1920er und 30er Jahren einer der populärsten Wienerlied- und Schlagerkomponisten. 1937 erfolgt die Verleihung des Österreichischen Silbernen Verdienstzeichen. 

1938 Leopoldi wird in die Konzentrationslager Dachau und später Buchenwald deportiert, wo er auf Anordnung des Lagerkommandanten mit Dr. Fritz Beda-Löhner das Buchenwaldlied schuf, welches die KZ-Insassen beim Marschieren singen mußten. 1939 wird Hermann Leopoldi von seiner Familie 'freigekauft' und kann nach New York emigrieren.

Barpianist im Old Vienna. Als Duo mit der Österreicherin Helly Möslein wird er mit der englischen Version des Wiener Liedes Ein kleines Cafe in Hernals in ganz Amerika berühmt. 1947 kehrt das Duo auf Einladung Bürgermeister Körners nach Wien zurück. Tourneen durch Österreich, Deutschland und die Schweiz, Schallplatten und Film. 1958 erhält er das "Goldene Verdienstzeichens der Republik Österreich". Am 28. Juli 1959 stirbt Hermann Leopoldi an den Folgen eines Herzinfarkts. Hermann Leopoldis Ringelspiel, Powidl Tatschkerl oder Schnucki .. fohr' ma nach Kentucky sind bis heute unvergessen.
25.6.11/10.1.12/

Dachaulied

Am 13. März 1938 wurde Jura Soyfer in Gargellen beim Versuch, mit Skiern in die rettende Schweiz zu kommen, von übereifrigen Vorarlberger Zollbeamten verhaftet. Sie waren noch auf den austrofaschistischen Ständestaat vereidigt und waren bereits willige Helfer des Deutschen Reiches.

Vom Gemeindekotter in St. Gallenkirch, nach Bludenz in den Arrest und ins Landesgericht Feldkirch ging sein Weg. Schließlich nach Dachau (dort schrieb mit Herbert Zipper das "Dachaulied") und Buchenwald - und mit 26 Jahren in den Tod. ...

Link ➨ Free mp3: Dachaulied (Text, Noten, mp3, Hintergründe)
10.3.08/30.10.11/

Die Moorsoldaten - Lied vom Börgermoor

Nach dem Reichstagsbrand am 27.Februar 1933 wurde Wolfgang Langhoff verhaftet. In die Schweiz geflohen, veröffentlichte er bereits 1935 im Schweizer Spiegel Verlag in Zürich den Tatsachenbericht "Die Moorsoldaten".  Der zutiefst menschenverachtende Charakter des Faschismus zeigte sich in einer unbeschreiblichen Grausamkeit.
 
Die Moorsoldaten. Es ist eines der ersten öffentlichen Dokumente über das wahre Gesicht des Dritten Reiches und einer der ersten Versuche, die Welt zu warnen und zur Abwehr der drohenden Gefahr aufzurufen. Wolfgang Langhoff erzählt in seinem Buch auch die Geschichte der Entstehung des KZ-Liedes "Die Moorsoldaten". Es entstand in den Moor-Konzentrationslagern, einer Kette von fünfzehn Konzentrationslagern, die 1933 in Nazi-Deutschland gegründet wurden und die unter dem gemeinsamen Namen Emslandlager bekannt waren. Einer der bekanntesten Gefangenen war der Journalist und Pazifist Carl von Ossietzky, der 1933 ein Gefangener in Esterwegen war und 1935 den Friedensnobelpreis erhielt.

Dem institutionalisierten Terror, der in einer breiten Skala von Schikanen, Gewalttätigkeiten und sich widersprechenden Anordnungen bestand, um aus dem Häftling entweder einen "Volksgenossen" zu machen oder ihn (damals noch "nur") in den Selbstmord zu treiben, setzen die Gefangenen Widerstand entgegen. Die Lagerordnung, die die Häftlinge im Barackenbereich zu einer Art Selbstverwaltung verpflichtete, gestattete es, eine "geheime Leitung" aufzubauen, die ein Kontaktnetz errichtete und auf das praktische wie das politische Verhalten im Lager Einfluss nahm. Die Bemühungen um ideologischen Ausgleich und die Solidarität im Überlebenskampf aller Gruppen ermöglichten eine Verständigung der Häftlinge untereinander, von der das Moorsoldatenlied berichtet. Hier schreibt Johann Esser, ein Gewerkschafter die Urfassung von "Wir sind die Moorsoldaten", das wahrscheilich erste - und wohl bekannteste - KZ-Lied, das von Wolfgang Langhoff überarbeitet und  - ergänzt durch den Refrain -  mit einer Melodie nach Rudolf Goguel in die heute bekannte Form gebracht wurde.


Im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg werden 1933 in einer Nacht die Gefangenen von den SS-Wachen unmenschlich verprügelt. Nach dieser "Nacht der langen Latten" entsteht bei den Insassen der Plan, etwas für die eigene Ehre zu tun. Man will an einem Sonntag eine Theatervorstellung aufführen, den "Zirkus Konzentrazani", um den Peinigern zu zeigen, dass die Gefangenen nicht den Lebensmut verloren haben. Heimlich entsteht für diese Veranstaltung das Lied "Die Moorsoldaten". Am Schluss der Vorstellung erklingt es zum ersten Mal. Einer der Autoren, Wolfgang Langhoff, erinnert sich:

"Und dann hörten die Lagerinsassen zum ersten Mal das "Börgermoorlied", das inzwischen schon eine volksliedhafte Popularität erreicht hat. Einer sagte: "Kameraden, wir singen euch jetzt das Lied vom Börgermoor, unser Lagerlied. Hört gut zu und singt dann den Refrain mit."

"Schwer und dunkel im Marschrhythmus begann der Chor: "Wohin auch das Auge blicket ..." - Tiefe Stille! Wie erstarrt saß alles da, unfähig mitzusingen, und hörte noch einmal den Refrain: "Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor ..." (...). Leise und schwermütig begannen einige Kameraden mitzusummen. Sie blickten nicht nach rechts und nicht nach links. Ihre Augen sahen über den Stacheldraht weg - dorthin, wo der Himmel auf die endlose Heide stieß. (...) Ich sah den Kommandanten. Er saß da, den Kopf nach unten und scharrte mit dem Fuß im Sand. Die SS still und unbeweglich. - Ich sah die Kameraden. Viele weinten. (...)

"Auf und nieder gehn die Posten, Keiner, keiner, kann hindurch. Flucht kann nur das Leben kosten, ..." Diese Strophe hatten die Kameraden sehr leise gesungen und setzten plötzlich laut und hart mit der letzten Strophe ein:

"Doch für uns gibt es kein Klagen,
Ewig kann’s nicht Winter sein!
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor!"

(...) Damit schloss unsere Veranstaltung, und die einzelnen Baracken zogen diszipliniert und ruhig in ihre Quartiere zurück."

Lied vom Börgermoor. Das Moorsoldatenlied wurde zwei Tage später vom Kommandanten verboten. Aber die SS-Leute kamen immer wieder und sagten: "Habt ihr nicht das Lied?" Wir haben es oft aufgeschrieben. In der Schreinerei haben wir Stämme schräg abgeschnitten und darauf die Verse geschrieben, auf diese Holzscheiben. Überhaupt hat uns das Lied viel geholfen. Wenn irgendeine Veranstaltung war, wenn ein Kamerad verabschiedet wurde, der entlassen wurde, dann haben wir für ihn die erste und meist auch die letzte Strophe gesungen."

(Wolfgang Langhoff: Wir sind die Moorsoldaten, Stuttgart 1974, S. 190ff.)

Lied vom Börgermoor

1. Wohin auch das Auge blickt.
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquickt,
Eichen stehn kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

2. Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

3. Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin,
graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

4. Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet
sich nach Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

5. Auf und nieder geh´n die Posten,
keiner, keiner kann hindurch,
Flucht wird nur das Leben kosten,
vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

6. Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann´s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen: Heimat,
Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!
Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten in´s Moor!

Lieder des aufrechten Ganges. Der zutiefst menschenverachtende Charakter des Faschismus zeigte sich in einer unbeschreiblichen Grausamkeit in den Konzentrationslagern. In diesen wurden Menschen, die auf Grund ihrer politischen, religiösen, ethnischen oder sexuellen Identität von den faschistischen Machthabern nicht geduldet wurden, inhaftiert und planmäßig ermordet. Millionen starben in Gaskammern oder vielfach schon zuvor an den Folgen der zerstörenden Zwangsarbeit, die sie für die staatlichen Betriebe, sowie unter anderem für Konzerne wie die IG Farben, Siemens, Krupp und Daimler-Benz leisten mussten. Unter diesen Bedingungen hatten für viele politische Häftlinge die Lieder eine äußerst wichtige Funktion. Sie trugen dazu bei, eine innere Stärke bzw. die Kraft zum Überleben und zum Widerstand zu bewahren. Im Konzentrationslager Börgermoor entstand 1933 mit dem von politischen Häftlingen getexteten und komponierten Stück "Die Moorsoldaten" eines der bekanntesten Widerstandslieder gegen den Faschismus. Daneben gibt es aber eine Reihe anderer, etwa das Buchenwaldlied, das von dem Librettisten Lehars stammt oder das Dachaulied von Jura Soyfer.

Leichtmatrose Wolfgang Langhoff. Wolfgang Langhoff wird 1901 in Berlin als Sohn eines gut situierten Kaufmanns geboren. Wenig später zieht die Familie nach Freiburg im Breisgau. 1916, mitten im 1. Weltkrieg, bricht Langhoff die Schule ab und verdingt sich ohne Einwilligung der Eltern als Schiffsjunge und Leichtmatrose. Zwei Jahre fährt er zur See. 1919 erhält der theaterbegeisterte Autodidakt am Schauspielhaus in Königsberg eine erste Chance. Er beginnt zunächst als Statist, kann aber schon einige Zeit später das Rollenfach des "jugendlichen Liebhabers" ausfüllen. Für eine Spielzeit wechselt Langhoff 1923/24 ans Thalia-Theater in Hamburg. Langhoff kommt zu einer Zeit, in der sich in Hamburg - wie im ganzen deutschen Reich in Folge der katastrophalen wirtschaftlichen Situation sich die politische Lage extrem zugespitzt hat. Revolutionäre Massenaktion stehen im Oktober 1923 unmittelbar bevor, die in Hamburg in einen bewaffneten Aufstand unter der Beteiligung der KPD münden. Der Aufstand beeindruckt den gerade 23-jährigen Langhoff nachhaltig und darf als Initialzündung für sein lebenslanges politisches Engagement gewertet werden. Auch für Langhoffs berufliche Karriere bedeutet die Hamburger Stippvisite an einer renommierten Spielstätte einen großen Sprung nach vorn.
       
Zwischen 1924 und 1928 erhält er ein Engagement als "Erster jugendlicher Liebhaber" am Staatstheater in Wiesbaden. In diese Zeit fällt auch die zunehmende Politisierung Langhoffs. Der "elegante Dandy" entwickelt sich zum "politischen Menschen". Im Februar 1928 nimmt er Kontakt zum Schauspielhaus Düsseldorf unter Louise Dumont und Gustav Lindemann auf und wird engagiert. Zur Spielzeit 1932/33 wird Langhoff als Regisseur und Schauspieler an die Städtischen Bühnen Düsseldorf engagiert. Andere Kollegen vom Schauspielhaus erhalten ebenfalls eine Chance. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten bedeutet auch für Langhoff persönlich eine scharfe Zäsur. Als exponiertes KPD-Mitglied steht er auf der Liste der Gefährdeten ganz oben. Noch am 15. Februar 1933 kann er seine Inszenierung des "Zerbrochenen Krugs" auf die Bühne bringen. Auch der Theaterzettel weist seinen Namen aus. Am 28. Februar 1933 wird Wolfgang Langhoff in seiner Düsseldorfer Wohnung wegen Vorbereitung zum Staatsstreich als einer der ersten Künstler in "Schutzhaft" genommen.

Zürcher Schauspielhaus. Währenddessen mobilisieren Schauspielkollegen von Langhoff in Zürich die Schweizer Öffentlichkeit. Demonstrativ wird bereits der inhaftierte Langhoff als Mitglied des Zürcher Schauspielhauses geführt. Die bescheidene Bühne mit ihren kümmerlichen räumlichen und finanziellen Möglichkeiten wird sich durch ihr herausragendes Ensemble, bestehend aus zahlreichen exilierten Schauspielern und dem Bühnenbildner Teo Otto, aber auch durch die engagierte Spielplanpolitik zur bedeutendsten deutschsprachigen Bühne zwischen 1933 und 1945 entwickeln. Selbst als der Rechtsbeistand Langhoffs das Engagementangebot des Zürcher Schauspielhauses im Sommer 1933 vorlegen kann, hält der Düsseldorfer Polizeipräsident : "... eine Entlassung noch nicht für angebracht und erachtet ein weiteres Verbleiben des Langhoff im Lager so lange für geboten, bis er durch willige Arbeit im Moor und durch sein gesamtes Verhalten beweise, dass er würdig sei, wieder seine Freiheit zu genießen".

Im November 1933 wird Langhoff nach Lichtenburg verlegt und am 31. März 1934 im Rahmen der Osteramnestie entlassen. Die Wiederaufnahme seiner schauspielerischen Tätigkeit ist unter den veränderten politischen Bedingungen nahezu aussichtslos. Auch droht ihm ständig eine erneute Verhaftung. Gewarnt durch einen Berliner Polizeibeamten gelingt Langhoff Ende Juni 1934 die Flucht in die Schweiz. Im September 1934 steht er zum ersten Mal auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses. Er ist Karl Moor, Fiesco, Peer Gynt, Tellheim und Geßler - am bedeutenden antifaschistischen Theater deutscher Sprache, Sammelpunkt zahlreicher Emigranten wie Therese Giehse, Therese Raky, Emil Stöhr, Karl Paryla, Wolfgang Heinz. 1943 gibt er im Parteiauftrag die illegale Zeitschrift "Freies Deutschland" heraus und gründet eine Gruppe gleichen Namens.

Von 1945 bis 1946 ist Langhoff Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, von 1946 bis 1963 Intendant des Deutschen Theaters Berlin. Er beherbergt zunächst auch Brechts Berliner Ensemble. Zu seinen wichtigsten Inszenierungen gehören "Faust" (1949 und 1954) und "Iphigenie von Tauris" von Goethe, "Don Carlos" von Schiller, "Minna von Barnhelm" von Lessing, "Die Schlacht bei Lobositz" und "Der Müller von Sanssouci", beides von Hacks.

Stalins Arm. 1950 droht dem West-Emigranten die Verwicklung in einen Schauprozess nach dem Muster des Rajk-Prozesses in Budapest. Es geht um Noel Field, einem angeblichen US-amerikanischen Geheimdienstagenten, mit dem Langhoff in der Schweiz Kontakt hatte. In Wirklichkeit ist Noel Feld ein eingeschriebenes KP-Mitglied und hatte in der Kriegszeit vielen Kommunisten über einen Quäker-Hilfsfond geholfen und ihre Ausreise finanziert. Die SED-Funktionäre Paul Merker, Bruno Goldhammer, Lex Ende, Leo Bauer, Maria Weiterer, Bruno Fuhrmann, Hans Teubner, Walter Beling und Wolfgang Langhoff werden in diesem Zusammenhang aller ihrer Funktionen enthoben und aus der SED ausgeschlossen. Bruno Bauer, Mitglied der KPD seit 1928 wurde als US-Agent und "Renegat" zum Tode verurteilt, zu Arbeitslager begnadigt, am 20.10.1955 in den Westen abgeschoben, er starb an den Folgen seiner Haft in Sibirien. Der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn Willi Kreikemeyer verübt in diesem Zusammenhang in Haft Selbstmord. 1953 stirbt Stalin, der Prozess gegen Langhoff fällt aus und er wird 1956 rehabilitiert.

In den Jahren bis zu seinem Tod wechseln öffentliche Demütigungen und Ehrungen durch den Staat ständig. Von 1962 bis 1966 ist er Vizepräsident der Akademie der DDR. Langhoff ist der prägende Regisseur und Schauspieler des DDR-Theaters. Er bindet Heinar Kipphardt und Peter Hacks als Autoren (und Dramaturgen) ans Deutsche Theater.

Mit Peter Hacks Stück "Die Sorgen und die Macht" (1962), worin der Bergarbeiter und Frauenheld Fidorra, Brikettmacher, durch die stürmische, handfeste Liebe zur Glasarbeiterin Hede Stoll einsehen lernt, dass die Brikettfabrik nicht mehr allzu viele, aber schlechte Briketts fabrizieren solle, deren Untauglichkeit die Produktivität der Glasfabrik schädigt, verbrannte sich nicht nur Hacks die Finger bei den DDR-Bonzen sondern auch Langhoff stürzte als Intendant. Trotz vieler Fassungen wurde das Stück schließlich als obszön, subjektivistisch und dem Ernst der Produktionsschlacht unangemessen verboten. Langhoff tritt nach entwürdigender Selbstkritik vor dem Politbüro ein Jahr später als Leiter des Deutschen Theaters zurück, wird zum Ehrenmitglied der Bühne ernannt. Zuletzt wirkt er als Schauspieler am Berliner Ensemble (als Langevin in "Die Tage der Commune" von Brecht).

Wolfgang Langhoff stirbt am 25. August 1966.

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29.2.08/4.9.11/